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Ludwig Erhard - Soziale Marktwirtschaft
war_is_illegal

Wohlstand für alle?

Wie Ludwig Erhard im Januar 1945 zusammen mit dem später gehängten SS-Einsatzgruppenführer Otto Ohlendorf die Soziale Marktwirtschaft erfand

http://www.jungewelt.de/2009/09-19/023.php

Von Otto Köhler
Ludwig Erhard, 1949 bis 1963 Bundeswirtschaftsminister, von1963
Ludwig Erhard, 1949 bis 1963 Bundeswirtschaftsminister, von 1963 bis 1966 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, auf dem CDU-Parteitag in Düsseldorf, 28.3.1965
Foto: Bundesarchiv
»Die Zeiten fordern uns«, sagt Angela Merkel im Wahlspot und schreckt das Universum auf: »Unsere Soziale Marktwirtschaft muß in der ganzen Welt verankert werden«. Die FDP stimmt auf ihren Wahlplakaten zu: »Klarer Kurs: Soziale Marktwirtschaft.«

Das war – zwischendurch – auch mal weniger klar. »Das Wort ›freie Wirtschaft‹ verwende ich sozusagen nur in Anführungszeichen, und den Begriff ›soziale Marktwirtschaft‹ habe ich persönlich nie gebraucht.« So fertigte einen Monat vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten der Bundesvorsitzende der FDP, Theodor Heuss, am 11. August 1949 etwas ungnädig eine Beschwerde der FDP-Kreisgruppe Hannover-Stadt ab. Die Hannoveraner hatten sich über den württemberg-badischen Vorsitzenden Ernst Mayer beklagt, der erklärt hatte: »›Soziale Marktwirtschaft‹ ist die der heutigen Mentalität angepaßte Umschreibung für ›freie Wirtschaft‹ (…). Wenn sich irgendein spintisierender Kreis darunter noch etwas anderes vorstellt, dann können wir es nicht hindern.« Heuss ging in seiner Antwort an die Beschwerdeführer – dachte er an damals noch kommende Zeiten? – weiter: Für ihn gebe es keine freie Wirtschaft, »seit wir staatliche Eisenbahnen haben, seit Strom- und Gasversorgung von der öffentlichen Hand wenigstens überwiegend geliefert wird« – diesen »Interventionismus des Staates« mochte er nicht.

»Ich meine, daß der Markt an sich sozial ist, nicht daß er sozial gemacht werden muß.« So sprach der Christdemokrat Ludwig Erhard im Gespräch mit dem Hohepriester des ganz freien Marktes Friedrich August von Hayek. »Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch« – das war sein Motto. Dieser aufrechte soziale Demokrat Erhard bekämpfte Adenauers Rentenreform als Schritt in den Versorgungsstaat – mit der Rente erst für 67jährige marschiert die deutsche Sozialdemokratie heute wieder heraus aus diesem Ungeheuer.

Nein, die »soziale Markwirtschaft« kommt nicht von der FDP und von der CDU nur zum Teil. Die ist ganz anders entstanden – aber der erste Bundeswirtschaftsminister war ihr Taufpate.

Erfunden wurde der Begriff kurz vor Hitlers Ende im zerbombten Berlin. Sogar das Datum und die Gelegenheit lassen sich nennen.

Im Dienst der Entjudung

Ludwig Erhard, der in der praktischen Arbeit hocherfahrene Wirtschaftswissenschaftler, hatte im Auftrag der Reichsgruppe Industrie im Herbst 1944 Kontakt aufgenommen mit SS-Gruppenführer ­Otto Ohlendorf aus dem Reichssicherheitshauptamt, der zugleich im Reichswirtschaftsministerium als Unterstaatssekretär die Geschäfte für seinen Dienstherrn führte, den versoffenen Exjournalisten Walther Funk. Nebenbei, davon später, betätigte sich auch Ohlendorf als Massenmörder.

Erhard hatte damals von Nürnberg aus eine sechsjährige Karriere im Dienste der Entjudung Großdeutschlands und seiner umliegenden Gebiete hinter sich. Er war für Reichskommissar Josef Bürckel tätig, einem der radikalsten Antisemiten des Nazistaates. 1938 setzte Bürckel den 41jährigen Ludwig Erhard für die Evaluierung des gesamten Rationalisierungs- und Einverleibungsprozesses des frischangeschlossenen Österreich ein. Erhard war als Geschäftsführer des Nürnberger Instituts für Wirtschaftsbeobachtung auch insofern schnell sachverständig, weil sein eigenes Institut bald in arisiertem Besitz residierte. 1939 vollzog das Institut zur Wirtschaftsbeobachtung – wie Nürnbergs Bürgermeister Eickemeyer lobte – »einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Entjudung in der Stadt der Reichsparteitage«, indem es drei neue Gebäude arisierte. Als Bürckel nach der Eroberung Frankreichs zum Chef der Zivilverwaltung Lothringens aufstieg, wurde er wieder von Erhard beraten, der schließlich einen Dauerauftrag zur Überwachung der Reorganisation und Germanisierung der gesamten lothringischen Wirtschaft bekam.

Jetzt, im Herbst 1944, legt Erhard im Auftrag der Reichsgruppe Industrie seine Denkschrift »Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung« für eine Finanz- und Wirtschaftsordnung der zu erwartenden Nachkriegszeit vor. Zu einer weiteren Unterredung war Ohlendorf verhindert und schickte dem angereisten Besucher seinen engen Vertrauten Karl Günther Weiss. Es war um die Mittagsstunde jenes 12. Januar 1945, an dem im Osten die sowjetische Offensive begonnen hatte. In den Berliner Trümmern gab es – für Erhard – Cognac, edlen Burgunder, echten Bohnenkaffee und vorzügliche Zigarren. Und wie Weiss weiter berichtet, gab es auch ein »herzliches Einvernehmen«.

Darauf einen Burgunder

»Was Sie wollen«, sagte Weiss dem Besucher, »ist eine großräumige Wirtschaftsordnung mit freien Märkten und einer privaten Eigentumsgarantie.«

Er machte dem Besucher einen Vorschlag zur Güte: »Ob Sie das nun aber eine demokratische Marktwirtschaft nennen oder als eine Soziale Marktwirtschaft bezeichnen, worin Ohlendorf einen Anklang an seine nationalsozialistischen Vorstellungswelten erblicken würde, kann doch nicht so wesentlich sein.«

Das war’s.

Erhard: »Was haben Sie da gesagt? – ›Soziale Marktwirtschaft‹ –, das ist ein Begriff, der mir gefällt. Wenn Sie noch ein Glas von Ihrem Burgunder haben, dann wollen wir darauf anstoßen«.

So entstand im Auftrag des Massenmörders Ohlendorf der Begriff, dem Angela Merkel heute in der ganzen Welt zum Sieg verhelfen will.

Der Historiker Michael Brackmann 1993 in seiner »Vorgeschichte der westdeutschen Währungsreform 1948«: die »Soziale Marktwirtschaft« avancierte »im Reichswirtschaftsministerium sogar zur Leitidee des Ordnungspolitischen Zukunftsentwurfs«. Er kommt zu dem Ergebnis: »Hinter dem Schutzschild des Reichssicherheitshauptamtes bündelten Wissenschaftler, hochrangige Bürokraten und führende Repräsentanten der Wirtschaft die aus der nationalökonomischen Debatte hervorgegangenen Lösungsvorschläge zur Sanierung der Staatsfinanzen in einem Konzept, das dem Postulat des sozialverträglichen Schuldenabbaus Hohn sprach und allein privatwirtschaftlichen Interessen geschuldet war.« Ein Konzept, das, wie Brackmann betont, »maßgeblich von Ludwig Erhard« beeinflußt war.

1977 wird die lange verschollene Denkschrift wiederentdeckt, und der angesehene Staatsrechtler und Historiker Theodor Eschenburg (SS-Mitgliedsnummer 156004) stellt sie vor als ein Dokument des Widerstands, das Erhard dem Reichskommissar für Preisüberwachung Carl Friedrich Goerdeler übergeben habe, bevor der nach dem 20. Juli verhaftet wurde. Erhard habe sich mit seiner Denkschrift in hohe Gefahr begeben. Niemals hätte die Gestapo von diesem Papier etwas erfahren dürfen.

Richtig gelesen aber hat die 1977 als Faksimile gedruckte Denkschrift kaum einer.

Erhard warnte in der 1943/44 verfaßten Denkschrift vor denen, die erklären würden, daß der Krieg eine zu »gewaltige Wertevernichtung mit sich gebracht hat, als daß das Produktivkapital in privater Hand davon unangetastet bleiben dürfte«. Er warnte vor Leuten, die da kommen und sagen: »Wenn ein Teil des deutschen Volkes ohne eigene Schuld alles verloren hat, kann es nicht gutgeheißen werden, daß andere ohne eigenes Verdienst Begünstigte möglicherweise ihr gesamtes Vermögen über den Krieg hinüberretten.«

Erhard fürchtet auch, daß angesichts des »so sehr unterschiedlichen Schicksal(s) der einzelnen Industriezweige« – einige kamen durch den Krieg zum Erliegen, andere konnten durch Rüstungsaufträge ihren Produktionsapparat weiter ausbauen – mit Sicherheit eine Frage gestellt werde: Ob es vertreten werden könne, »das private Eigentum an Produktionsmitteln aufrechtzuerhalten und auf diese Weise eine gesellschaftlich privilegierte und durch die Kriegsentwicklung noch begünstigte Schicht von Vermögensträgern in dieser Sonderstellung zu belassen bzw. neu zu bestätigen.«

Erhard wollte auf keinen Fall mißverstanden werden, er erläuterte: »Der Verfasser bedient sich hier mit Absicht einer Argumentation, die – wie zu erwarten steht – zugleich auch das soziale Ressentiment anderer Schichten oder der durch den Krieg Geschädigten (...) erkennen läßt.« Soziales Ressentiment.

Kurz: Erhard fürchtete, daß es zu einem anderen Staat kommen könnte, als den, der 1944 in Deutschland bestand. Er warnte: »In letzter Konsequenz gipfeln solche Überlegungen in der Forderung nach einer Sozialisierung der Produktionsmittel, nach einer Vermögensabgabe also, die für die Zukunft dem Staat nicht nur die wirtschaftslenkende, sondern auch die unmittelbar unternehmerische Funktion zuweist.«

Schicksalhafte Aufgabe

Wirtschaftsplaner und Massenmörder: Otto Ohlendorf(Aufnahm
Wirtschaftsplaner und Massenmörder: Otto Ohlendorf (Aufnahme der US-Justiz vom 1.3.1948)
Foto: National Archives
Auf keinen Fall sollten die Vermögensbesitzer, die ihre Sachwerte, ihre Produktionsanlagen, über den Krieg hinweg retten konnten, so betonte Erhard, einen mehr oder minderen Teil dieses Vermögens abtreten. Schon gar nicht dadurch, daß den »hier in Frage kommenden Gläubigern des Staates« – dem kleinen Sparer nämlich – »durch staatlichen Rechtsakt eine Beteiligung an dem in privater Verfügung stehenden und in privater Verfügung bleibenden volkswirtschaftlichen Produktivkapital zuerkannt wird.«

So etwas sei, betont Erhard in seiner Ohlendorf übergebenen Denkschrift, völlig unmöglich: »Diese Maßnahme würde (...) einer Vermögens­umschichtung gleichkommen oder – noch besser gesagt – einer Neuverteilung des Produktivkapitals (...) gleichzuachten sein.« Das Geld des kleinen Sparers ist weg.

Kurz, Erhard hält seinen eigenen Weg für »erforderlich, um mit dem Spuk der Vermögensabgabe ein für allemal aufzuräumen«.

Denn gesamtwirtschaftlich, erklärt Erhard, werde so ohnedies überhaupt keine Lösung herbeigeführt: »wichtig und entscheidend für die Nachkriegszeit« bleibe »allein das Ausmaß der einsatzfähigen Produktivkraft der deutschen Volkswirtschaft, und sie zu fördern, sie wieder auf den alten Stand zu bringen und darüber hinaus noch zu steigern, macht die schicksalhafte Aufgabe aus«. Es gehe hier nicht, behauptet er, »um die Gewinne der Industrie, sondern um die Grundlage der Einkommensbildung des deutschen Volkes, d. h. um die Gestaltung seiner Lebensführung und zuletzt um seine Lebensmöglichkeit überhaupt«.

Es gehe nicht um die Gewinne der Industrie. Daß die deutsche Industrie zwar nicht mehr den Krieg gewinnen konnte, aber am Krieg gewonnen hat, war damals, 1944, vorauszusehen. Aufgrund von Berechnungen, die mit Hilfe von Angaben zur Körperschaftssteuer angestellt wurden, veranschlagt der Wirtschaftshistoriker Dietrich Eichholtz den reinen Kriegsprofit des deutschen Großkapitals auf 70 bis 80 Milliarden Reichsmark – damals noch eine phantastische Summe. Dazu kommt die Bereicherung durch Raub und Plünderung in den von den Deutschen besetzten Gebieten sowie die Geschenke durch Milliardenzuwendungen aus der Staatskasse.

Daß diese Kriegsgewinne irgendwann einmal angetastet werden könnten, war die größte Sorge, die Erhard 1944 trug. Im wesentlichen seien es, so warnte er in seiner Denkschrift »Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung«, doch wohl »immer Ressentiments sozialer Natur, die Ideen wie eine Verstaatlichung der Produktionsmittel hervorrufen«.

Und wenn man »allenthalben vielleicht glaubt, ein Umbau oder eigentlich ein Umsturz der Sozialordnung könne hier zur befreienden Tat werden, durch die auch das deutsche Schicksal zu meistern wäre« – dann ist das ein »Denkfehler«.

Naturgemäß untergegangen

Dieses Schicksal definierte Erhard nicht anders, als es damals auch Hitler stilisierte: »Die Besonderheit dieses deutschen Schicksals beruht in dieser spezifischen Betrachtung darin, daß diese Nation, einer Welt von Feinden gegenübergestellt, unverhältnismäßig höhere Lasten zu tragen hat als alle anderen kriegführenden Völker (…).«

Den Besitzern der Produktionsmittel darf nichts geschehen, ihnen dürfen keine Opfer auferlegt werden, die hat das Volk zu tragen. Erhard betonte, »daß ein Volk, gleich ob es Pyramiden errichtet, Kriege zu führen gezwungen ist oder Straßen und Kanäle baut, in diesem Ausmaß seine Verbrauchsgütererzeugung und damit seine materielle Bedarfsdeckung einschränken muß.« Das Volk allein, das verkündete Erhards Denkschrift, soll die Folgen des Krieges tragen. Seine Ansprüche, seine Ersparnisse sind verloren, der Besitz an Produktionsmitteln, insbesondere auch derer, die durch den Krieg ausgeweitet und wertvoller wurden – dieser Besitz bleibt erhalten.

Erhard verlangt die »Proklamierung der Arbeit als des einzigen Mittels zur Überwindung wirtschaftlicher Not«. Und setzt einen vollendeten Zynismus drauf, wörtlich: »Auch die seitens der Wirtschaftsführung wiederholt zum Ausdruck gebrachte Zusicherung der Unantastbarkeit der Spargelder erfährt erst in diesem Zusammenhang die richtige, volkswirtschaftlich einzig sinnvolle Beleuchtung, wenn diese Verpflichtung lediglich auf die formale Anerkennung eines Zukunftsanspruches bezogen wird, denn die zur Bildung dieser Spargelder führende Leistung ist im Kriege naturgemäß untergegangen.«

Das Volk wollte Krieg

Der Erhard-Biograph und Historiker Volker Hentschel brachte Erhards Denkschrift auf diese Formel: »Ebenso nachdrücklich wie Erhard einer Verstaatlichung der Produktionsmittel widerriet, trat er für die Verstaatlichung der privaten Unternehmensschulden und für die öffentliche Finanzierung der privatwirtschaftlichen Umstellung von der Kriegs- auf die Friedenswirtschaft ein. Der Staat solle zu den eigenen auch die kriegsbedingten Bankschulden der Industrie übernehmen und sie gemeinsam mit den eigenen Schulden konsolidieren. Denn die Industrie erfülle ja, sagt Erhard, im Krieg eine ihr »vom Staat im Auftrag des Volkes zugewiesene Funktion«.

Kurz, die Industrie war am allerunschuldigsten am Krieg, schuld war das Volk, und das Volk muß darum für den Krieg bezahlen.

Entscheidend ist »die Kontinuität der Wirtschaftsordnung«, sie bilde, fährt Erhard 1944 fort, die »erste und wesentliche Voraussetzung aller Staatsschulden-Regelung«, und deshalb müßten »alle Schichten des Volkes an der Verhinderung gesellschaftswirtschaftlicher Experimente« interessiert sein. »Keine Experimente« – das wurde der Kriegsruf der Adenauerzeit, der das nach 1945 auferstandene politische Leben schnell erschlaffen ließ.

Behutsam stellte der Historiker Ludolf Herbst zwei Jahrzehnte später die Frage, warum Erhard »angesichts des offenkundigen Endes des Dritten Reichs seine Arbeitskraft in den Dienst von Organisationen und Menschen stellte, deren Zukunft ungewiß war und die ihn ja durchaus auch hätten kompromittieren können«.

Kompromittieren? Bevor Otto Ohlendorf die Kontrolle über das Reichswirtschaftsministerium übernahm – war er Führer der EinsatzgruppeD gewesen, die im Osten rund 90000 Menschen liquidiert hatte. Am 16. März 1945 sagte er zu seinem Vertrauten Weiss, dem Erfinder der sozialen Marktwirtschaft: »Machen wir uns nichts mehr vor, vielleicht ist auch mein Weg vorgezeichnet, aber einige sollten überleben.«

Erhard überlebte. Am 10. April 1948 wurde Otto Ohlendorf als Massenmörder vom US-Militärgerichtshof in Nürnberg zum Tod durch den Strang verurteilt. Elf Tage später schlägt das, was Erhard-Anhänger die »Geburtsstunde der Sozialen Marktwirtschaft« nennen, die Antrittsrede Ludwig Erhards als Direktor der Verwaltung für Wirtschaft der Bizone. Am 19. September 1949, heute vor sechzig Jahren, ernennt Bundespräsident Theodor Heuss den damals noch parteilosen Ludwig Erhard zum Bundesminister für Wirtschaft. Aus seiner Todeszelle kann Otto Ohlendorf noch eindreiviertel Jahre beobachten, wie Erhard seine Denkschrift verwirklicht. Dann wird er am 8. Juni 1951 als einer der letzten in Landsberg gehängt.

Warmer Glanz korrekter Poesie

Nachtrag. Am 1. Dezember 1989 erschien in der Zeit die Kritik einer Fernsehdokumentation des NDR über Ludwig Erhard:

Ein Heldenepos. Es beginnt damit, daß Erhard sich »standhaft« weigerte, der Nazipartei oder einer ihrer Untergliederungen beizutreten, und statt dessen eine Denkschrift über Währungsfragen schrieb, die ihn in höchste Gefahr brachte. Aus dem Inhalt der Denkschrift keinen einzigen Satz. Die Selbstverständlichkeit, mit der in »Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung«, so der Titel der Denkschrift, die Bezahlung der Kriegskosten allein auf das Volk abgewälzt wird – die wäre zu verräterisch. Die Leute könnten sich Gedanken machen, warum die Währungsreform alles, nur nicht den Besitz an Produktionsmitteln antastete.

Und schon gar kein Wort über den Mann, der Erhard schon im Dezember 1944 mit der Lösung der Währungsfrage nach dem Krieg beauftragte: den Unterstaatssekretär im Reichswirtschaftsministerium Otto Ohlendorf. Der war das sozusagen nur im Nebenberuf. Hauptberuflich war Erhards Verhandlungspartner SS-Gruppenführer und Leiter des Amtes III im Reichssicherheitshauptamt.

Ein tüchtiger Mann nach den Kriterien, die damals galten: Drei Jahre vor seinem Auftrag an Erhard hatte Ohlendorf als Leiter der Einsatzgruppe D im Osten 90000 Juden – Männer, Frauen, Kinder – durch Genickschuß oder Gaswagen ermordet. Seine Erfolgsmeldungen landeten auch auf den Schreibtischen unserer Industriegewaltigen. Flick stand auf der Verteilerliste des Ohlendorf-Berichtes vom 19. November 1941: »Die Stadt ist judenfrei . (...) Was nicht geflohen ist, wurde liquidiert«

Diese Zeit-Kritik hatte ich geschrieben. Jetzt hat die Zeit das wiedergutgemacht. Letztes Jahr brachte das Blatt eine »einzigartige Film-Edi­tion« über zwölf deutsche »Lenker und Gestalter« für 60 Euro heraus (sie wird längst auch für 29,99 Euro bei Zweitausend­eins verramscht). Einer dieser Gestalter im hochwertigen Schuber inkl. Begleitbuch ist Ludwig Erhard. Ihn zu porträtieren hat die Zeit unverändert die Erhard glorifizierende NDR-Produktion übernommen, die ich in der Zeit kritisiert hatte. Warum auch nicht. Die Zeit und die Zeiten haben sich geändert.

Ein Bubenstück aber besonderer Zeit-Art ist der Nachdruck eines 1963 verfaßten Artikels ihres Redakteurs Rolf Zundel im Begleitbuch. Er war guten Glaubens den Lügengeschichten Theodor Eschenburgs aufgesessen und schrieb damals: »Eines Tages zog er [Erhard] aus einer Aktenmappe ein hektographiertes Manuskript und drückte es Eschenburg in die Hand: ›Lesen Sie mal.‹ Wieder in die Wohnung zurückgekehrt, las Eschenburg und traute seinen Augen nicht. ›Da jetzt eindeutig feststeht, daß der Krieg verloren ist…‹ So begann das Manuskript.«

So begann es eben nicht. Daß Eschenburgs Erzählungen nicht ungelogen sind, weiß man bei der Zeit, verbreitet aber trotzdem weiter, was ein Kollege schrieb, der vor über vier Jahrzehnten von Eschenburg getäuscht wurde. Und der sich heute nicht mehr berichtigen kann, weil er tot ist. Das ist infam.

Trotzdem, es ist ja auch irgendwie wahr, was der getäuschte Zeit-Kollege Zundel vor 46 Jahren – heute im Begleitbuch nachgedruckt – dem großen Gestalter Ludwig Erhard nachsagte: »Über seinem Leben liegt ein warmer Glanz bürgerlicher Poesie. Die Denkschrift an Goerdeler ist das erste Symptom eines genialischen Rumorens (…).«

Otto Köhler ist freier Journalist sowie Autor von »Und heute die ganze Welt. Über die Geschichte der IG Farben« (Köln 1990) und »Rudolf Augstein. Ein Leben für Deutschland« (München 2003) – In der gestrigen Ausgabe erschien an dieser Stelle ein Beitrag Otto Köhlers zum 60. Jahrestag der Amtseinführung des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss, einem »Glücksfall für Deutschland«


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