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Die IV. Flotte in Aktion: Ein Flugzeugträger namens Haiti
war_is_illegal
10. Februar

AUTOR: Raúl ZIBECHI

Übersetzt von Einar Schlereth
Quelle
http://alainet.org/active/35879
http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=9965&lg=de

Die Reaktion der USA, den haitianischen Teil der Insel zu militarisieren nach dem verheerenden Erdbeben vom 12. Januar, muss in einem Kontext gesehen werden, der unmittelbar nach der finanziellen und ökonomischen Krise und dem Machtantritt von Barack Obama entstand. Die grundlegenden Tendenzen waren schon vorhanden, aber die Krise hat sie so beschleunigt, dass sie sichtbar geworden sind. Es handelt sich um die erste bedeutende Intervention der IV. Flotte, die kurze Zeit zuvor reaktiviert wurde.
Mit der haitianischen Krise schreitet die Militarisierung der Beziehungen zwischen der Vereinigten Staaten und Lateinamerika einen Schritt weiter voran, als Teil der Militarisierung der gesamten Außenpolitik Washingtons. Auf diese Weise versucht die Supermacht im Niedergang den Prozess hinauszuzögern, der sie in eine Macht unter anderen sechs oder sieben in der Welt machen wird. Die Intervention ist derart enthüllend, dass die halboffizielle chinesische Zeitung des Volkes vom 21. Januar sich fragt, ob die USA vorhat, Haiti als einen weiteren Staat der Union einzuverleiben.


"Nachbeben", von Douglas Nelson Pérez, alias Chispa, Cuba

Die chinesische Zeitung greift eine Analyse der renommierten Zeitschrift Time auf, wo man versichert, dass „Haiti sich schon in den 51. Staat der USA verwandelt hat und ist zumindest schon, auch wenn es das noch nicht weiß, ihr Hinterhof”. In der Tat hat das Pentagon in kaum einer Woche einen Flugzeugträger, 33 Einsatzflugzeuge und zahlreiche Kriegsschiffe mobilisiert und zur Insel geschickt und obendrein noch 11 000 Soldaten. Die MINUSTAH, die Mission der UNO zur Stabilisierung Haitis hat hingegen nur 7000 Soldaten dort. Laut der Folha de Sao Paulo vom 28. Januar haben die USA Brasilien von seinem Führungsplatz der militärischen Intervention der Insel verdrängt und werden in wenigen Wochen „zwölfmal mehr Soldaten in Haiti haben als Brasilien”, d.h. 16 000 Soldaten.

Die Zeitung des Volkes schreibt weiter in einem Artikel über den ”amerikanischen Effekt” in der Karibik, dass die militärische Intervention dieses Landes in Haiti Einfluss haben wird auf seine Strategie in der Karibik und in Lateinamerika, wo es eine ständige Konfrontation mit Kuba und Venezuela aufrechterhält. Diese Region ist, in der Lesart von Beijing, ”die Tür seines Hinterhofes” bei dem Versuch der ”direkten Kontrolle”, um ”fortzufahren, seinen Einflussradius gegen Süden auszuweiten”.

Dies alles ist nicht besonders neu. Das Wichtige ist, dass es Teil einer Eskalation ist, die mit dem Militärstreich in Honduras und den Abkommen mit Kolumbien zur Nutzung von sieben Basen in jenem Land begann. Wenn man die vier Basen hinzurechnet, die der Präsident von Panamá, Ricardo Martinelli, im Oktober an Washington abtrat, und jene schon existierenden in Aruba und Curaçao (nahe bei Venezuela liegende und zu Holland gehörende Inseln), dann gibt es dreizehn Basen, die den bolivarianischen Prozess einkreisen. Und jetzt gibt es obendrein einen enormen Flugzeugträger inmitten der Karibik.

Schwimmende Intervention , von Chispa, Cuba :
"Und was macht sie, diese IV. Flotte in der Karibik?" - "Sie sucht 'Massenvernichtungswaffen'."

Laut Ignacio Ramonet in Le Monde Diplomatique vom Januar ”deutet alles auf eine bevorstehende Aggression hin”. Dies scheint als wahrscheinliches Szenario nicht sicher, obwohl man daraus auf zwei Fragen schließen kann: dass die Vereinigten Staaten sich für den Militarismus entschied, um ihren Niedergang zu vertuschen, und dass sie das Erdöl aus Kolumbien, Ecuador und vor allem aus Venezuela brauchen, um ihre Hegemonie-Stellung zu festigen oder zumindest den Niedergang zu verlangsamen. Trotzdem sind die Dinge nicht ganz so einfach.

Carlos Latuff : Wir sind OFFEN für Geschäfte.

Für das französische Monatsblatt ”liegt der Schlüssel in Caracas”. Ja und nein. Ja, weil in der Tat 15% der Erdöleinfuhren der Vereinigten Staaten aus Kolumbien, Venezuela und Ecuador kommen, ein Prozentsatz, der der Einfuhrmenge des Nahen Ostens gleichkommt. Außerdem ist Venezuela dabei, sich in das größte Erdöllager der Welt zu verwandeln, was die im Orinoco Delta kürzlich entdeckten Reserven bezeugen. Laut dem Geologischen Dienst der Vereinigten Staaten sind sie doppelt so groß wie die Saudi-Arabiens. Das wäre ausreichend, dass Washington wünschte, wie es wirklich tut, Hugo Chávez an der Spitze des bolivarianischen Prozesses zu ersetzen.

Nach meiner Ansicht ist das zentrale Problem der amerikanischen Hegemonie in ihrem „Hinterhof” Brasilien. Das Erdöl in der Erde ist ein wichtiger Reichtum. Aber man muss ihn herausholen und transportieren, was Investitionen erfordert und politische Stabilität. Brasilien ist schon eine globale Macht, die zweite der BRIC-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China) an Bedeutung nach China. Von den zehn größten Banken der Welt sind drei brasilianisch (und fünf chinesisch) und keine aus den USA oder England. Brasilien hat die sechst-größten Uran-Reserven der Welt (nachdem erst ein Viertel seines Territoriums untersucht worden ist) und wird mit seinen Erdölreserven an fünfter Stelle stehen, wenn die Prospektierung im Santos-Becken abgeschlossen sein wird. Die brasilianischen multinationalen Unternehmen gehören zu den größten der Welt: Vale do Rio Doce ist das zweitgrößte Bergbauunternehmen und das größte in Beziehung auf Eisenerz; Petrobras ist die viertgrößte Erdölgesellschaft der Welt und das global fünftgrößte nach seinem Marktwert; Embraer ist das drittgrößte Flugzeugunternehmen nach Boeing und Airbus; JBS Friboi steht an erster Stelle in der Welt für tiefgefrorenes Rindfleisch; Braskem ist das achtgrößte petrochemische Unternehmen der Welt. Und so könnte man lange weitermachen.

Im Unterschied zu China ist Brasilien selbstversorgend im Energiesektor und wird ein großer Exporteur werden. Seine größter Schwachpunkt ist jedoch die Armee, die aber dank der strategischen Zusammenarbeit mit Frankreich modernisiert wird. In dem Jahrzehnt, das gerade begonnen hat, wird Brasilien Jagdflugzeuge der neuesten Generation herstellen, Kampfhelikopter und Unterseeboote, wozu Frankreich die nötige Technologie liefert. Bis 2020, wenn nicht vorher, wird Brasilien die fünfte Wirtschaftsmacht der Welt sein. Und all dies geschieht vor der Nase der USA.

Brasilien kontrolliert bereits einen guten Teil des Bruttoinlandproduktes von Bolivien, Paraguay und Uruguay und hat eine fest verankerte Präsenz in Argentinien, dessen strategischer Partner es ist, sowie in Ecuador und Peru, die ihm einen Zugang zum Pazifik ermöglichen. Da liegt der härteste Brocken für die IV Flotte. Man sehe sich an, wie das Pentagon für Brasilien dieselbe Strategie entworfen hat wie für China: Konflikte an seinen Grenzen erzeugen, um es zu hindern, in Gang zu kommen. Nordkorea, Afghanistan und Pakistan und außerdem die Destabilisierung der Provinz Xinjiang mit der größten moslemischen Bevölkerung.

In Südamerika ist Brasilien von einem ganzen Rosenkranz an Militärbasen des Süd-Kommandos (Southern Command) in der andinischen Region und im Süden umgeben. Die Zange schließt sich mit dem Konflikt Kolumbien-Venezuela und Kolumbien-Ecuador. Und jetzt zählt auch noch der Flugzeugträger Haiti dazu, der auf der haitianischen Insel die bedeutende brasilianische Präsenz an der Spitze von MINUSTAH ablöst. Es ist eine eiserne Strategie, kalt berechnet und schnellstens durchgeführt.

Das Problem, dem sich die Nationen und Völker der Region gegenübersehen, sind die Naturkatastrophen, die in den kommenden Dezennien noch alltäglicher werden. Dies ist erst der Anfang. Die IV. Flotte wird der militärische Teil sein, der am meisten Erfahrung hat und am besten vorbereitet ist für „humanitäre” Interventionen in Ausnahmesituationen. Haiti wird nicht die Ausnahme sein, sondern das erste Kapitel einer neuen Serie entsprechend den militärischen Positionen in der gesamten Region. Anders gesagt: Wir Lateinamerikaner sind in einer großen Gefahr, und es ist höchste Zeit, dass wir das begreifen.