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Seit Generationen schüren die USA das Chaos in dem Karibikstaat und stützten seine Diktatoren.
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Drei Wochen nach dem furchtbaren Erdbeben in Haiti und den erschreckenden Nachbeben, von denen vor allem die Hauptstadt Port-au-Prince und der Ort Zacmel betroffen waren, gehen die US-amerikanischen Medien wieder dazu über, Stein für Stein eine undurchdringliche Nachrichtenmauer um das Land hochzuziehen. Durchbrochen wird diese Medienwand nur, wenn es gilt, eine sensationelle Meldung zu bringen, der auf dem Nachrichtenmarkt ein besonderer Wert zugemessen wird. Es gehört zur Natur der kommerziellen Medien, daß sie von Ereignis zu Ereignis weiterziehen und ihre grellen Scheinwerfer auf neue Sensationen richten müssen – das Allerneueste, das Superaußergewöhnliche, das Ausgeflippte. Vielleicht das neueste Al-Qaida-Video, der verruchteste Sex-Skandal, der letzte Gefühls­ausbruch der Gespielin eines prominenten Politikers – was es auch sei, der Propagandazug der Meinungsmacher muß weiterrollen!

Die Bevölkerung Haitis war schon lange vor dem Erdbeben am 12. Januar 2010 Attacken ohnegleichen ausgesetzt, weil sie gewagt hatte, vor zweihundert Jahren für ihre Freiheit zu kämpfen und zu siegen – die Freiheit der schwarzen Sklaven. Heute wundern sich viele Menschen, daß Erdbebenopfer manchmal noch lebend gefunden wurden, obwohl sie bereits zehn, elf oder zwölf Tage ohne Essen und Wasser unter Tonnen von Trümmern eingeschlossen waren. Dabei wird vergessen, daß die Armut und mangelnde Versorgung mit Nahrung für die Haitianer immer schon bedeutete, daß sie in der Regel nur alle zwei oder drei Tage eine richtige Mahlzeit bekamen.

Während der stundenlangen Live-Berichte im Fernsehen, mit denen uns in den ersten Tagen nach der Katastrophe die überlebenden Erdbebenopfer vorgeführt wurden, sah man keine molligen oder dicken Menschen. Niemand, der vergleichbar gewesen wäre mit den von Fotoaufnahmen hinlänglich bekannten übergewichtigen US-Amerikanern. Die Menschen auf Haiti sind auch ohne Diätprogramme von »Jenny Craig« oder »Slim-Fast« gezwungenermaßen schlanke Menschen und müssen sich nicht den Spruch auf die Stirn kleben »Fang’ heute an, dein Leben zu ändern!«. Diese Entscheidung wird ihnen schon lange abgenommen, weil die Löhne in Haiti äußerst niedrig sind, Arbeit sowieso schwer zu bekommen und der Kampf ums Überleben hart ist.

Auch ohne Erdbeben haben die Haitianer jahrzehntelang in einem politischen, wirtschaftlichen und sozialen Chaos gelebt, das zumeist von den USA geschürt und aufrechterhalten wurde. Seit Generationen haben die USA Haitis Diktatoren gestützt, die das Land ausgeplündert und sich mit Repression und Folter an der Macht gehalten haben. Der haitianische Historiker und Anthropologe Ralph Troullot sagte über die Invasion durch die USA im Jahr 1915 und die bis 1934 dauernde militärische Besetzung des Inselstaats, die US-Amerikaner hätten in dieser Zeit »nichts gelöst, aber alles verkompliziert«.

Die Haitianer sind ein starkes, kluges und bewundernswertes Volk. Sie haben vor 200 Jahren etwas vollbracht, das Millionen von Schwarzen rund um den Globus die Augen und Herzen geöffnet hat. Deshalb ist es nicht gerecht, daß sie für etwas bestraft werden, an dem der berühmte Sklavenführer Spartacus und seine Getreuen während des Römischen Reiches gescheitert sind. Die afrikanischen Sklaven Haitis haben das französische Imperium besiegt und Napoleon Bonaparte, einen der größten Feldherrn der Geschichte, zur Kapitulation gezwungen.

Die Menschen Haitis haben weitaus mehr Solidarität verdient, als ihnen zuteil wird. Ihre Vorfahren haben einst den Duft der Freiheit geatmet und mit Millionen anderen Unterdrückten geteilt – nicht nur mit Schwarzen, sondern auch mit Lateinamerikanern, die unter der Kolonialherrschaft der spanischen Krone geschunden wurden. Die Haitianer verdienen, was ihnen seit zweihundert Jahren vorenthalten wird: ein gutes Leben, Gesundheit, Selbstbestimmung, Wohlstand, Gerechtigkeit und Frieden.

Von Mumia Abu-Jamal (junge Welt)