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Bauern aus dem Wendland brechen zu Großdemo nach Berlin auf
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Antiatomtreck gestartet

Bauern aus dem Wendland brechen mit Traktoren zu Großdemo nach Berlin auf. Veranstaltungen an diversen geplanten Endlagerstandorten vorbereitet

Von Reimar Paul
http://www.jungewelt.de/2009/08-31/023.php
Am Sonnabend machten sich atomkritische Landwirte im Wendlandmi
Am Sonnabend machten sich atomkritische Landwirte im Wendland mit ihren Traktoren auf den Weg nach Berlin
Foto: Andreas Conradt / PubliXviewinG
Die ausgelassene Stimmung paßt nicht so recht zu der düsteren Kulisse. Auf einer in den Wald geschlagenen Lichtung steht das Gorlebener Atommüllzwischenlager als wuchtiger Betonklotz, davor am Straßenrand wiegen Menschen die Hüften zu Reggae- und Samba-Rhythmen, und einige wagen sogar ein Tänzchen auf dem Asphalt. Lauter Beifall und »Bravo«-Rufe branden auf, als die Traktoren kommen. Durch die dichte Menge schiebt sich eine Armada von fast 150 Schleppern im Schrittempo am Tor des Zwischenlagers vorbei. Es ist der Prolog zu einem einwöchigen Antiatomtreck der Lüchow-Dannenberger Bauern nach Berlin. Rund 1 000 Menschen sind am Samstag nachmittag zur Verabschiedung des Konvois gekommen.

Die meisten Trecker und Anhänger sind wie bei einem Karnevalsumzug bunt geschmückt. Mit den Parolen auf den Transparenten wollen die Bauern allerdings auf ein ernstes Anliegen aufmerksam machen. »No Atomstrom in my Wohnhome«, steht da. »Fällt der Bauer tot vom Traktor, steht in der Nähe ein Reaktor«. Oder: »Wer, wenn nicht wir soll der Atomlobby Einhalt gebieten?« Auf Anhängern sind Attrappen von Atommüllfässern aufgetürmt. Ein großer Castorbehälter aus Pappe wurde mit dem Plakat »Zurück an Absender« versehen.

Für Aufsehen sorgt ein Motivwagen, auf dem sich Figuren mit Schweineköpfen und in Anzügen in einem Berg von atomaren Abfällen suhlen: »Der Trog bleibt derselbe, nur die Schweine wechseln«, erläutert ein meterlanges Spruchband. Auch eine mobile »Stromwexelstube «, wo Kunden den Vertrag von einem Öko-Energieanbieter unterschreiben können, rollt im Treck mit. Im Dörfchen Reddebeitz schlagen die Atomgegner ihr Nachtlager auf, eine »VolXküche« versorgt sie – streng vegan – etwa mit heißer Suppe, Eintöpfen, Kaffee und Kuchen. 50 Bauern, 20 mehr als ursprünglich geplant, lassen am Sonntag morgen die Traktoren an. Eskortiert von zwei Greenpeace-Trucks und etlichen Versorgungs- und Begleitfahrzeugen setzt sich der Konvoi um zehn Uhr in Bewegung. Langsam geht es zunächst Richtung Braunschweig. Mit einer Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometern pro Stunde darf der Konvoi höchstens fahren.

Weitere Haltepunkte des Trecks sind in den kommenden Tagen unter anderem der »Schacht Konrad« in Salzgitter, das Forschungsbergwerk Asse bei Wolfenbüttel sowie Morsleben in Sachsen-Anhalt. Mit den Bürgerinitiativen an diesen geplanten bzw. ehemaligen Endlagerstandorten wollen sich die wendländischen Landwirte bei Kundgebungen und Antiatomfesten treffen.

Weitere 150 Bauern brechen mit ihren Traktoren erst am kommenden Freitag im Wendland zu einem »Schnelltreck« auf, sie fahren dann direkt nach Berlin. Dort ist am 5. September eine bundesweite Antiatomdemonstration geplant. Die Veranstalter, ein Bündnis aus Bürgerinitiativen und Umweltgruppen, erwarten dazu mehrere zehntausend Teilnehmer. Auch in Lüneburg und Uelzen setzten sich schon am Wochenende kleinere Antiatomtrecks in Bewegung, sie wollen sich unterwegs mit dem großen Treck vereinigen.

Bei der Kundgebung in Gorleben erinnert Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg an den ersten großen Protestzug, der vor mehr als 30 Jahren von Gorleben nach Hannover führte. Unter dem Eindruck dieser Aktion habe der damalige Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) erklärt, eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage sei in Gorleben nicht durchzusetzen. »Jetzt gilt es Weiteres zu verhindern«, sagt Ehmke, nämlich: »das Endlager in Gorleben.«

Der Lüchow-Dannenberger Landrat Jürgen Schulz wünscht den Landwirten »gute Fahrt« und »viel Glück«. Und die Sprecherin der Bäuerlichen Notgemeinschaft, Monika Tietke, warnt davor, sich auf Wahlkampfversprechen von Politikern zu verlassen. Sie spielt damit auf Ankündigungen von Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) an, der kürzlich erklärt hatte, Gorleben sei als Endlagerstandort politisch »tot«. »Wir werden mit dem Treck dafür sorgen, daß diesen Ankündigungen auch Taten folgen«, so Tietke.

»Wir haben die Lügen und Verdrehungen satt«, ruft Bauer Carsten Niemann unter dem Jubel der Anwesenden. »Egal, welche Partei am 27. September die Wahl gewinnt, mit uns muß man rechnen. Wir wollen, daß endlich Schluß ist mit der Atomkraft! Wir werden drei Wochen vor der Wahl jedem, der regieren will, deutlich sagen: Steigt aus! Hört endlich auf mit diesem Scheiß!«