?

Log in

No account? Create an account
Previous Entry Share Next Entry
CIA Waterboarding, Kältefolter, Wahrheitsdrogen
war_is_illegal

Waterboarding, Kältefolter, Wahrheitsdrogen

Die US-Regierung untersucht die Verhörmethoden der Bush-Ära. Die CIA foltert schon viel länger

Andreas Förster
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0827/feuilleton/0004/index.html

1947 musste sich der japanische Offizier Yukio Asano vor einem US-Militärgericht verantworten. Er hatte während des Weltkriegs einen US-Bürger in einem Gefangenenlager verhört, ihn dabei auf eine Pritsche geschnallt und sein Gesicht so lange mit Wasser übergossen, bis der Mann zu ertrinken glaubte. Das Gericht sprach von Waterboarding und wertete die Foltermethode als Kriegsverbrechen. Asano wurde zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

Zwei Jahrzehnte später war das Waterboarding erneut Gegenstand eines juristischen Verfahrens. Am 21. Januar 1968 veröffentlichte die Washington Post ein Foto, auf dem ein US-Soldat in Da Nang einen gefangenen Nordvietnamesen mit Waterboarding quält. Der Soldat wurde vor ein Kriegsgericht gestellt und unehrenhaft aus der Armee entlassen.

Im Jahr 2008 gab der CIA-Chef Michael Hayden zu, dass Verhörspezialisten seines Geheimdienstes bei der Befragung von inhaftierten Terrorverdächtigen mehrfach die Waterboarding-Methode eingesetzt haben. Anders als der Japananer Asano und der US-Soldat aus dem Vietnam-Krieg aber brauchen die CIA-Folterer heute keine juristischen Konsequenzen fürchten: Nach dem 11. September hatte das Weiße Haus eine geheime Liste mit zulässigen Verhörpraktiken beschlossen, die gegen Terrorverdächtige angewendet werden dürfen. Auch das Waterboarding, 54 Jahre zuvor noch als Kriegsverbrechen geahndet, stand auf dieser Liste.

Die im Krieg gegen den Terror eingesetzten CIA-Vernehmer mussten die Methode nicht neu erlernen. Schon 1963 hatte die Agency ein streng geheimes Handbuch für ihre Mitarbeiter verlegt, das den seltsamen Titel KUBARK trug. KUBARK war eine Art Folterfibel, die Essenz von einem Jahrzehnt streng geheimer Forschung an speziellen Verhörtechniken. Auch das Waterboarding findet sich darin.

Erstmals bekannt wurden die Folterforschungen der CIA, die der Journalist Egmont R. Koch in seinem Buch "Die CIA-Lüge" (2008) beschreibt, im April 1953. In einer Rede vor Absolventen der Eliteuniversität Princeton sprach CIA-Chef Allen W. Dulles über ein von seinem Dienst angeleitetes wissenschaftliches und medizinisches Forschungsprogramm, mit dem man dem kommunistischen "brain warfare", dem Krieg gegen das Gehirn, begegnen wolle. Der seit drei Jahren tobende Koreakrieg zeige, so Dulles damals, dass die Kommunisten Gehirnwäsche einsetzten, um US-Kriegsgefangene zum Reden zu bringen.

Zum Zeitpunkt der Dulles-Rede lief das streng geheime CIA-Forschungsprogramm bereits einige Jahre, und es war weit weniger defensiv ausgerichtet, als es der Geheimdienstchef in Princeton darstellte. Auch die Amerikaner wollten herausfinden, wie sie durch Einsatz von Drogen und Medikamenten, sensorische Deprivation - Entzug aller Sinnesreize aus der Umwelt - und Zufügung von Schmerzen Gegner gefügig machen können. Dabei griffen sie ungeniert auf die Erkenntnisse von Nazi-Ärzten zurück, die bei Menschenversuchen in Konzentrationslagern gewonnen wurden.

So werteten US-Spezialisten etwa die Ergebnisse der Kälteversuche im KZ Dachau aus, bei denen russische und polnische Kriegsgefangene in eiskaltem Wasser so lange ausharren mussten, bis sie unter großen Qualen starben. Die Erkenntnisse flossen auch in den Einsatz von kleinen fensterlosen Kammern ein, in denen Folteropfer Kälte und Hitze ausgesetzt wurden. Solche Kammern wurden etwa in Guantanamo benutzt.

Auch die Meskalinversuche in Auschwitz und Dachau fanden die Aufmerksamkeit der CIA-Forscher. Bei diesen Experimenten sollten Häftlinge mit Hilfe der Droge dazu gebracht werden, gegen ihren Willen Aussagen zu machen. Viele starben, weil an ihnen auch die Folgen von Überdosierungen erprobt wurden.

Beraten ließen sich die CIA-Forscher zudem von NS-Ärzten wie Walter Schreiber, der zu den Hauptverantwortlichen für die Menschenversuche in den KZ gehörte, und Hubertus Strughold, der in Dachau selbst mit Hand angelegt hatte. Auch Dr. Friedrich Hoffmann, führender Giftgasforscher bei den Nazis, durfte seine Arbeit in den USA fortsetzen.

1951 beauftragte die CIA den US-Professor Richard Wendt, Psychologe an der Universität Rochester, mit der Suche nach einer "Wahrheitsdroge", die Gefangene geständig machen sollte. Das Forschungsprogramm mit dem Tarnnamen "Chatter" (Geschnatter) knüpfte an die Meskalinversuche in deutschen KZ an. Wobei Wendt, selbst rauschgiftsüchtig, zusätzlich noch Heroin und andere Drogen einsetzte.

Im Juni und August 1952 wurden Wendts Erkenntnisse erstmals erprobt - auf deutschem Boden. Die Menschenversuche, getarnt als CIA-Operation "Artischocke", fanden in einer Villa am Stadtrand des hessischen Kronberg statt. Die jüdischen Vorbesitzer des Anwesens waren von den Nazis enteignet worden, jetzt hatte die CIA das "Haus Waldhof" requiriert. Mehreren als Spionen verhafteten Russen wurden Drogencocktails gespritzt. Dann begannen die Verhöre, an die sich die Probanden anschließend häufig nicht mehr erinnern konnten. Die Wissenschaftler und Geheimdienstler, die das Experiment aus einem Nachbarraum verfolgt hatten, waren mit den Tests zufrieden.

Auch in Berlin setzte die CIA nun in großem Stil die vermeintliche Wahrheitsdroge bei Verhören ein. Ein hoher CIA-Offizier, der einige Befragungen von Überläufern und Ostspionen beobachtet hatte, erzählte einem Freund nach seiner Rückkehr verstört von Todesfällen, die dabei auftraten.

Durch die Erfolge ermuntert, erweiterte die CIA 1953 ihr Forschungsprogramm über Folter, Verhörtechniken und Gehirnwäsche. Das Projekt MKULTRA, von CIA-Chef Dulles im April 1953 genehmigt, sollte mit mehr als 130 Unterprojekten das größte Forschungsprogramm der CIA für mehr als ein Jahrzehnt werden. Es ging um Drogen, Hypnose, Elektroschocks, das Zufügen von Schmerzen sowie Verhaltens- und Schlafmanipulationen. Bestandteil des MKULTRA-Projekts war eine ebenso intensive wie geheime Kooperation der CIA mit führenden Krankenhäusern, Universitäten und Instituten in den USA, Kanada und Großbritannien. Natürlich wurden auch Menschenversuche durchgeführt.

In einem Fall setzten die Forscher Dutzende Patienten einer Montrealer Klinik dem "psyching diving" aus. Ihnen wurden stundelang Tonbandschleifen mit sich ständig wiederholenden Satzfragmenten vorgespielt, während sie in einem von Hypnose und LSD ausgelösten "klinischen Koma" lagen. Viele der Testpersonen erlitten anhaltende gesundheitliche Schäden. Die US-Regierung musste ihnen nach einem Prozessmarathon 1988 eine Entschädigung in Höhe von insgesamt 750 000 Dollar zahlen.

Die Erkenntnisse der CIA-Forschungsprojekte flossen 1963 in das KUBARK-Handbuch ein. Die Folterfibel war Grundlage entsprechender Handbücher für die US Army, die dann im Vietnam-Krieg der Leitfaden für Gefangenenverhöre wurde. Auch diktatorische Regimes, die von den USA gestützt wurden, konnten auf das KUBARK-Buch zurückgreifen.

Als die Existenz des Handbuchs 1975 bekannt wurde, musste es der Geheimdienst offiziell zu den Akten legen. Schon 1983 aber entstand ein Nachfolger mit der Codebezeichnung HRE. Die darin beschriebenen Folter- und Verhörtechniken sind über weite Strecken wortgleich dem KUBARK entnommen worden.

Sie finden sich auch in der nach dem 11. September 2001 vom Weißen Haus erlassenen Liste spezieller Verhörmethoden, die von der CIA angewandt werden dürfen. Nur auf eine Methode wurde dabei verzichtet - das war der Einsatz von Hypnose.

------------------------------

Auch die Meskalinversuche in Auschwitz und Dachau fanden die Aufmerk- samkeit der CIA-Forscher.

Foto: Symbolbild für Folter: der irakische Gefangene in Abu Ghoreib.