?

Log in

No account? Create an account
Previous Entry Share Next Entry
»Wir wären in der Lage, alle Erdenbürger zu ernähren«
war_is_illegal
27.10.2009 / Ausland / Seite 8Inhalt


»Wir wären in der Lage, alle Erdenbürger zu ernähren«

http://www.jungewelt.de/2009/10-27/051.php

Laut UN-Organisation FAO leidet mehr als eine Milliarde Menschen Hunger. Ein Gespräch mit Geoff Tansey

Interview: Samuel Stuhlpfarrer
Unser Gesprächspartner
Unser Gesprächspartner
Der Sachbuchautor Geoff Tansey beschäftigt sich seit den 70er Jahren mit Fragen der Ernährung und der Landwirtschaft, er zählt zu den bekanntesten Kritikern internationaler Agrarkonzerne. Für sein Buch »The Future Control of Food« verlieh ihm die BBC den Derek Cooper Award

Jüngsten Zahlen der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO zufolge leidet gegenwärtig mehr als eine Milliarde Menschen Hunger. Gibt es einen realistischen Weg, kurzfristig Abhilfe zu schaffen?

Wir wären durchaus in der Lage, alle Erdenbürger ausreichend zu ernähren. Das scheitert aber daran, daß bei der weltweiten Lebensmittelversorgung in den vergangenen drei Jahrzehnten der Akzent immer mehr zur Produktion und zum Profit verschoben wurde – auf Kosten der sozialen und ökologischen Erfordernisse. Wenn Sie Menschen etwa in Afrika oder Indien fragen würden, warum sie nicht mehr produzieren, bekämen Sie zur Antwort: »Es gäbe niemanden, der die Produkte kaufen würde.«

Die Hersteller von Nahrungsmitteln sehen sich ständig mit möglichen Überproduktionskrisen konfrontiert, während ein Sechstel der Welt hungert. Ist das nicht ein klassischer kapitalistischer Antagonismus?

Das landwirtschaftliche Modell, das zur Zeit weltweit gefördert wird, ist die Antwort auf die Überproduktion in Nordamerika und Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Umstand, daß der Westen nicht endlos viele Nahrungsmittel braucht und daß seine Märkte gesättigt sind, hat dazu geführt, daß die Industrie bloß noch in Produkte investiert, die mehr Profit abwerfen. Billige Erzeugnisse werden also teuer gemacht – indem z.B. Sojamehl zu Fleischersatz wird. Noch schlimmer ist es, daß Getreide zu Agrotreibstoff verarbeitet wird. Jede Innovation der Industrie führt heute in diese Richtung. Das trifft auch die vielen kleinen Bauern, denn eine kapitalintensivere Produktion, die höhere Profite abwerfen soll, muß zwangsläufig auch die Arbeitskosten senken.

In Europa bekommen das im Moment die Milchbauern zu spüren. Welche Rolle spielt die EU bei der Industrialisierung der Landwirtschaft?

Die EU gibt vor, mit ihrer Agrarpolitik die kleinen Bauern zu unterstützen. Tatsache ist aber, daß die meisten Subventionen Großbauern und in vielen Fällen sogar Unternehmen direkt zukommen. Einer der größten Bezieher landwirtschaftlicher Fördergelder in Großbritannien ist zum Beispiel eine Zuckerfabrik. Dieses System hat zwar zur Erhöhung der Produktion geführt, es kommt aber nicht den kleinen Bauern zugute. Außerdem erhöht es den Druck auf die Märkte in den Entwicklungsländern.

Inwieweit hat die Wirtschaftskrise die Unterernährung verschärft?

Sie ist sicher einer der Gründe dafür, daß die Zahl derer, die Hunger leiden, stark gestiegen ist. Man könnte aber auch argumentieren, daß die Deregulierung der Finanzmärkte in den letzten 20 Jahren dazu geführt hat, daß Lebensmittel teurer wurden. Die Spekulation mit Agrotreibstoffen, Ernteausfälle oder Änderungen im Konsumverhalten haben die Nahrungsmittelpreise dorthin gebracht, wo sie jetzt sind.

Was schlagen Sie also vor?

Man müßte an mehreren Punkten ansetzen. Erstens müßte dem System der Patentierung geistigen Eigentums in der Landwirtschaft Einhalt geboten werden, weil es den größten Konzernen den Ausbau ihrer ohnehin schon enormen Monopolstellung erlaubt hat. Zweitens stellt sich die Frage, wie man die Macht der transnationalen Konzerne einschränken und die Handelsbeziehungen zwischen den Industrie- und den Entwicklungsländern auf eine faire Basis stellen kann.

http://www.jungewelt.de/2009/10-27/051.php