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Mit Hilfe der Treckerpaten
war_is_illegal
15.08.2009 / Inland / Seite 4Inhalt

Bauern starten mit Hunderten Zugmaschinen nach Berlin, um gegen Atompolitik zu protestieren. Politiker und Unternehmen sponsern Spritkosten

Von Reimar Paul
Kein Durchkommen: Traktorblockade einer möglichenCastrostr
Kein Durchkommen: Traktorblockade einer möglichen Castrostrecke nach Gorleben (November 2004)
Foto: AP
Die Mobilisierung zur Großdemonstration der Antiatombewegung am 5. September in Berlin nimmt an Fahrt auf. Aus zahlreichen Orten in ganz Deutschland werden Busse in die Hauptstadt fahren, alleine in der Lüneburger Heide zwei Sonderzüge starten. Der Trägerkreis, ein Bündnis aus Antiatominitiativen und Umweltverbänden, rechnet mit mehreren zehntausend Teilnehmern. Intern setzt man sogar auf 100000 Demonstranten – das wäre die größte Teilnehmerzahl bei einer Kundgebung gegen Atomenergie seit 30 Jahren.

Die Bauern aus dem Wendland wollen mit weit mehr als 200 Traktoren zur Demo fahren. Ihrem Treck würden sich unterwegs zudem Landwirte aus anderen niedersächsischen Regionen, aus Brandenburg sowie Radfahrer anschließen, sagte der Sprecher der Bäuerlichen Notgemeinschaft, Carsten Niemann, am Freitag gegenüber junge Welt.

Rund 30 Traktoren wollen Niemann zufolge bereits am 30. August in der Ortschaft Reddebeitz starten. Dieser Konvoi macht auf dem Weg nach Berlin unter anderem an den Standorten Asse, Schacht Konrad und Morsleben halt. Für den zweiten, sogenannten »Schnelltreck«, der am 4. September in Lüchow losfährt, gibt es bislang rund 200 Traktor-Anmeldungen. Initiativen, Verbände, Unternehmen und Einzelpersonen aus ganz Deutschland haben »Treckerpatenschaften« übernommen und finanzieren so deren Fahrt. Darunter sind etwa zwei Dutzend mittlere und Kleinbetriebe aus Hamburg. Auch DGB-Bundesvorstandsmitglied Annelie Buntenbach ist Traktorpatin.

Mit dem Demotermin kurz vor der Bundestagswahl will die Antiatombewegung den Druck auf die Parteien noch einmal erhöhen. »Die deutliche Mehrheit der Bevölkerung dieses Landes ist gegen Atomkraft«, sagte die Vorsitzende der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Kerstin Rudek, gegenüber jW. »Wir wollen die Menschen motivieren, ihre Meinung auf die Straße zu tragen. Dafür bieten wir die Antiatomdemo als Plattform an.« Wahlkampf für Grüne, Linke oder SPD, die mit der Atomfrage ebenfalls Punkte sammeln wollen, sei die Aktion nicht. »Wir wollen den Parteien aber klarmachen, daß an dem Thema Energiepolitik niemand vorbeikommt.« Um den Atomausstieg durchzusetzen und unumkehrbar zu machen, brauche es »gesellschaftlichen Druck«. Rudek geht davon aus, daß sich Mitglieder der genannten Parteien »in großer Zahl« an der Demo beteiligen werden. Dies sei auch gut so – reden bei der Abschlußkundgebung am Brandenburger Tor dürften Parteienvertreter aber nicht.

Gemeinsame Forderung ist nicht nur die Stilllegung der Atomanlagen. Die Bürgerinitiativen verlangen auch, daß die Suche nach einem Endlager völlig neu angegangen wird. Und zwar unter Ausschluß Gorlebens, wie Rudek betont. Dort habe es niemals ein richtiges Auswahlverfahren gegeben. Statt einer Erkundung des Salzstocks, wie nach außen behauptet, sei in Wirklichkeit bereits ein fast fertiges Endlager entstanden. Erst in der vergangenen Woche hatte der Geologieprofessor Gerd Lüttig, der in den 1970er Jahren an der Suche nach geeigneten Salzstöcken beteiligt war, erklärt, daß Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) Gorleben ausgewählt hatte, um der DDR eins auszuwischen. »Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil die Ostzonalen, wie er immer sagte, uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten«, sagte Lüttig der jungen Welt.
http://www.jungewelt.de/2009/08-15/039.php