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Hugo Chávez, bei der 64. Vollversammlung der Vereinten Nationen
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05.10.2009 / Thema / Seite 10Inhalt

Komm zur Achse des Bösen

Dokumentiert. Rede des Präsidenten der Bolivarischen Republik Venezuela, Hugo Chávez, bei der 64. Vollversammlung der Vereinten Nationen

http://www.jungewelt.de/2009/10-05/003.php
»Obama One or Obama two?« Hugo Chávez insein
»Obama One or Obama two?« Hugo Chávez in seiner UN-Rede zu den Abrüstungsvorschlägen des US-Präsidenten bei gleichzeitiger Unterstützung der Militärs in Honduras (5. Gipfeltreffen der OAS-Staaten, 19.4.2009)
Foto: AP
Wir waren gestern im Lincoln-Theater und haben einen Film gesehen, den Oliver Stone in den vergangenen Monaten gedreht hat und dessen Titel bereits zum Nachdenken anregt. Der Film heißt »Südlich der Grenze«. Dort werden Sie den Präsidenten Evo Morales gemeinsam mit Stone Koka kauen sehen, und wie Präsident Morales sagt: »Die Koka ist kein Kokain.« Dort werden Sie Cristina Fernández sehen, die argentinische Präsidentin, und das Auto von General Perón1, und ihre Reflexionen über das, was in Südamerika, in Lateinamerika vor sich geht. Dort können Sie Lula, den Präsidenten Brasiliens, in der über Jahrhunderte ausgebeuteten venezolanischen Guajira2 sehen. Dort werden Sie auch Paraguays Präsidenten Fernando Lugo sehen können, den Bischof und Befreiungstheologen, der heute, wie er selbst sagt, in der Residenz lebt, die für lange Zeit Stroessner3 besetzt hatte, ein Bischof, der Präsident geworden ist. Dort werden Sie Rafael Correa, den Präsidenten Ecuadors, in Havanna sehen können, gemeinsam mit Kubas Präsident Raúl Castro. Sie werden Fidel sehen können. Sie werden sogar Obama in Trinidad sehen können, im Gespräch mit einer Gruppe von uns, mit ausgestreckter Hand und offenem Lächeln. (...)

In diesem Film gibt es, Herr Präsident4, viele Inhalte, die uns helfen können, die Rätsel unserer Zeit zu lösen. Gestern abend nach dem Film sind wir noch eine Weile geblieben und haben mit einer Gruppe von Leuten aus den USA und anderen Teilen der Welt gesprochen. (...) Eine Frau näherte sich mir, eine Dame so um die 50, und sagte: »Ich bin sehr glücklich ...« Sie sprach so halbwegs Spanisch, sie ist Nordamerikanerin und sehr weiß, die typische Bürgerin, die in diesem Teil der Erde geboren ist, und sie sagte zu mir: »Ich bin sehr glücklich ...« Ich fragte sie, warum. »Weil ich jetzt, nachdem ich diesen Film gesehen habe, gemerkt habe, daß ich mich geirrt habe. Ich dachte, Sie seien böse, sehr böse ...« Diese Frau ist ein Opfer des Medienbombardements, des ideologischen Bombardements, das auf dieses Land, auf die Vereinigten Staaten, und auf die ganze Welt niedergeht und mit dem versucht wird, die Wirklichkeit umzukehren, die Welt auf den Kopf zu stellen, wie es Eduardo Galeano5 formuliert.

Der Film heißt »Südlich der Grenze«. Südlich der Grenze findet eine Revolution statt. In Südamerika ereignet sich eine Revolution, in Lateinamerika ereignet sich eine Revolution, in der Karibik ereignet sich eine Revolution. Es ist notwendig, daß die Welt das sieht, es annimmt und akzeptiert, denn das ist eine Realität, die sich nicht ändern wird. (...)

Solle niemand versuchen, sie aufzuhalten, niemand. Niemand wird sie aufhalten können. (...) Versäumt nicht »Südlich der Grenze«. Gestern abend hat mir Oliver Stone gesagt, daß bereits Druck ausgeübt wird, damit das Volk der USA diesen Film nicht sieht. Wo ist denn nun das Recht auf freie Meinungsäußerung? Das ist doch nur ein Film, sollten sie Angst vor einem Film haben? Aber der Druck der Monopole, die die Kinos betreiben, hat bereits begonnen. All das sind Monopole, die Druck ausüben, aber der Film wird dort laufen. Zum Glück leben wir im Zeitalter der Computertechnik, der Telekommunikation. Es hängt nicht mehr von den Kinosälen ab, die von den Monopolen betrieben werden.

(...) Wir sind Millionen, und nichts und niemand kann diese große südamerikanische, lateinamerikanische und karibische Revolution aufhalten. Ich denke, die Welt sollte sie unterstützen. Die USA sollten diese Revolution unterstützen, Europa sollte diese Revolution unterstützen, denn diese Revolution ist, und das haben einige Brüder und Schwestern noch nicht gemerkt, der Beginn des Weges zur Rettung dieses Planeten, zur Rettung der vom Kapitalismus, vom Imperialismus, von Krieg und Hunger bedrohten menschlichen Gattung. Es ist die notwendige Revolution. Seit Jahrhunderten wurden wir »die Neue Welt« genannt. Ja, die neue Welt, heute können wir sie so nennen. Die neue Welt wird gerade geboren. (...)

Höhlenmenschen in Honduras

(...) Gestern haben wir – von Obama angefangen über Lula, Sarkozy, Ghaddafi, Cristina – den Ruf nach Veränderung gehört. Aber was für Veränderungen? Im Kapitalismus ist Veränderung nicht möglich. Glauben wir den Lügen nicht. Nur im Sozialismus werden wir wirkliche Veränderungen erreichen, und die Revolution in Lateinamerika trägt einen zutiefst sozialistischen Inhalt in sich, (...) ein neuer Sozialismus, der nicht die Kopie oder Nachahmung von irgendwas ist. Es gibt keine Bedienungsanleitungen darüber, wie man Sozialismus macht, man muß ihn erfinden, er ist heldenhafte Schöpfung (...).

Aber wir haben uns gestern daran erinnert, was US-Präsident John F. Kennedy kurz vor seiner Ermordung gesagt hat: »Dort im Süden gibt es eine Revolution. Und die Hauptursache für diese Revolution ist der Hunger.« Weniger Tage später ermordeten sie ihn. Kennedy war kein Revolutionär, aber er war intelligent, und auch Präsident Obama ist, glaube ich, intelligent. Hoffentlich schafft er es! Gott behüte Obama vor den Kugeln, die Kennedy getötet haben! Hoffentlich schafft Obama es, wirklich umzusteuern.

Gestern hat er hier gesprochen ... Hier riecht es nicht mehr nach Schwefel, es riecht nicht mehr! Es riecht eher nach einer anderen Sache, es riecht nach Hoffnung, und es gilt, das Herz in diese Hoffnung zu legen.

Wir dürfen diesen Planeten nicht zugrunde richten. Was ist mit unseren Kindern und den künftigen Generationen? Nehmen wir die Herausforderung an. Lula hat gestern gesagt, es gebe keinen politischen Willen. Ein Hieb von Lula. (...) Es fehlt an politischem Willen; Lula hat ihn, wir haben ihn, aber er muß wachsen, er muß in den Führungspersönlichkeiten weiter wachsen, in den Gesellschaften, in den Völkern, in der Jugend – vor allem in der Jugend –, unter den Arbeitern, auf der ganzen Welt.

Kennedy hatte gesagt »Im Süden gibt es eine Revolution«. Und er hat hinzugefügt: »Wer friedlichen Revolutionen den Weg verschließt, öffnet zugleich den gewaltsamen Revolutionen den Weg.« Das sagte er.

Während wir hier sind, Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt, ist dort ein standfester, würdiger Präsident, dem es gelungen ist, mit einer kleinen Gruppe von Fast-Märtyrern, die Wachen der Putschisten, die Repression zu narren und zur Plaza Morazán in Tegucigalpa zu kommen. Die Putschisten haben alle Straßen besetzt, alle! Alle! Sie haben eine ganze Armee dort, als wenn sie Honduras besetzt hätten, aber es ist ihre eigene Armee. Was für eine Würdelosigkeit! Von hier aus richte ich einen Aufruf, als Soldat, der ich bin, aber als ein revolutionärer Soldat, an die Soldaten von Honduras (...), daß sie aufhören, dieses unschuldige Volk zu unterdrücken.

Während wir hier sind, befindet sich Manuel Zelaya, der Präsident von Honduras, in der Botschaft Brasiliens, die ihm Zuflucht gewährt hat. Die Botschaft ist umstellt von mehr als 200 Soldaten, wie mir der Präsident selbst gesagt hat. Sie haben die Umgebung mit Gummigeschossen auf die brutalste Weise geräumt. Die Zeit der Höhlenmenschen versucht zurückzukehren! Sie werden nicht zurückkehren! Diese Putschisten werden vom Wind der neuen Geschichte hinweggefegt werden! Da könnt ihr euch sicher sein! Der Putsch und die rückwärts gewandten Kräfte werden sich weder in Honduras noch in irgendeinem anderen Land dieses Amerika durchsetzen! Dort ist ein Volk, das bereits seit 90 Tagen auf der Straße Widerstand leistet!

Dort ist ein standfester Präsident mit einer Gruppe von Landsleuten, mit seiner Ehefrau. Sie lassen kein Essen zu ihnen durchkommen, ständig stellen sie ihnen das Wasser ab. Sie haben einen Tank dort, den ihnen jemand gebracht hat. Heute morgen haben sie in einem Nachbarhaus, auf dem Dach eines Nachbarhauses, Geräte zum Abhören von Telefonen entdeckt, und zwar, wie mir der Präsident gesagt hat, aus neuester israelischer Produktion. Israel hat die Putschistenregierung anerkannt, ich glaube, es ist weltweit die einzige Regierung, die sie anerkannt hat. Sie haben Störgeräte, die auf das Bewußtsein gerichtet sind, sie wollen unter den wenigen Personen, die innerhalb der Botschaft Brasiliens sind, Panik schüren. Sie drohen damit, in die Botschaft Brasiliens einzudringen.

Erkennt ihr den Charakter der Höhlenmenschen? Das ist die Steinzeit, die zurückkehren will. Sie wird nicht zurückkehren! Dort auf der Straße ist ein unterdrücktes Volk. Sie haben die Flughäfen geschlossen. Das Volk lebt unter Besatzung. Wer sind die Putschisten? Die honduranische Bourgeoisie, der Putschistenstaat, der von der Bourgeoisie, den Reichen besetzte Staat. Vier oder fünf sehr reiche Familien sind die Eigentümer des Staates. Man sollte wieder Lenin lesen: »Staat und Revolution«. Sie kontrollieren alles, den Kongreß, die Judikative, das Militär, den Staat, und auf der Straße wird das Volk massakriert. (...) Von hier aus geht unsere größte Solidarität an das Volk von Honduras und an Präsident Zelaya. Wir fordern, daß die Resolution der Vereinten Nationen und die Resolution der Organisation Amerikanischer Staaten erfüllt werden.

Etwas Merkwürdiges: Die Regierung der Vereinigten Staaten hat nicht anerkannt, daß es einen Militärputsch gegeben hat. Das hat mir heute Präsident Zelaya erklärt, es gibt dort Streit zwischen dem State Department und dem Pentagon.

Ich habe gestern ein Buch von Juan Bosch gelesen, diesem großen, vom Imperium gestürzten Dominikaner. Dieses gute Buch heißt »Der Pentagonismus«. Ich empfehle dieses Buch. Das Pentagon ist die Höhle des Imperiums. Das Pentagon will Obama nicht, es will keine Veränderungen. Sie wollen die Welt mit ihren Militärbasen, ihren Drohungen, ihren Bomben, ihren Invasionssoldaten beherrschen. Das Pentagon steckt hinter dem Putsch in Honduras. (...) Die nordamerikanischen Militärs in Honduras wußten vom Putsch und unterstützen ihn, und sie unterstützen die Militärs in Honduras. Daher die Widersprüche in Obama und über Obama hinaus.

Ein oder zwei Obamas?

Im Kampf gegen die Putschmilitärs: Honduras’Prä
Im Kampf gegen die Putschmilitärs: Honduras’ Präsident Manuel Zelaya konnte über ein Handy auf der UN-Vollversammlung sprechen (Außenministerin Patricia Rodas, New York, 28.9.2009
Foto: AP
Manchmal fragt man sich, ob es zwei Obamas gibt, den, der gestern hier gesprochen hat, und einen anderen, einen Doppelgänger? Den, der den Putsch in Honduras unterstützt, oder den, der es erlaubt, daß seine Militärs den Putsch in Honduras unterstützen? Fragen zum Nachdenken. Gibt es zwei Obamas, oder gibt es nur einen? Hoffentlich setzt sich der durch, den wir gestern hier gesehen und gehört haben. Die Welt braucht ihn, und die Welt ruft danach.

Was ist der Hintergrund des Putsches in Honduras? Er hat mit all dem zu tun, über das wir hier reden, die Revolution des Südens. Das ist eine Revolution, die nicht mehr jene Revolution der heldenhaften Guerillakolonnen der Sierra Maestra oder im Hochgebirge von Bolivien ist, wo Ernesto Guevara, der Che, marschierte. Es ist nicht mehr diese Art von Revolution. Diese Revolution ist anders, sie geht nicht mehr von Guerilleros in den Bergen aus, sondern von den Städten, von den Massen. Es ist eine Massenrevolution, aber sie ist friedlich und will friedlich bleiben. Sie ist zutiefst demokratisch.

Habt keine Angst vor der Demokratie! (...) Die Eliten haben Angst vor den Völkern, sie haben Angst vor der wirklichen Demokratie, die Abraham Lincoln6, dieser andere große Märtyrer, klar mit drei Konzepten definiert hat: Regierung des Volk, Regierung durch das Volk, Regierung für das Volk. Nicht die Regierung der Bourgeoisie, die Regierung der Elite, und wenn das Volk aufsteht, rufen sie die Gorillas. Das ist es, was in Honduras passiert ist, und was in Venezuela 2002 passierte, was in Brasilien mit Joao Goulart7 geschah und was in der Dominikanischen Republik passierte. Warum wurde dem Volk Lateinamerikas und der Karibik im 20. Jahrhundert nicht erlaubt, seinen eigenen Weg zu wählen? Sie haben es uns nicht erlaubt. Dieses Jahrhundert ist unser Jahrhundert. In diesem Jahrhundert werden wir in Lateinamerika und der Karibik unseren eigenen Weg bauen, und niemand, wirklich niemand, wird das verhindern können.

Der Imperialismus muß beseitigt werden. (...) Obama hat gestern gesagt, daß man keinem Volk irgendein politisches System aufzwingen dürfe, daß jedes Volk und seine Souveränität respektiert werden müssen. Und nun, Präsident Obama? Worauf warten Sie noch, um die Aufhebung der brutalen und mörderischen Blockade Kubas anzuordnen? Zweifelt jemand daran? Glaubt jemand, das sei nur etwas Symbolisches? Nein, es gibt eine Verfolgung gegen Unternehmen aus jedem Teil der Welt, sogar wenn sie Lebensmittel nach Kuba liefern, und jetzt auch gegen Venezuela.

Fidel hat in einer seiner Reflexionen ein Unternehmen mit weltweit anerkannter Präsenz angeklagt, das medizinische Geräte herstellt und vertreibt, und das in diesem und im letzten Jahr Verpflichtungen nicht erfüllt hat, die es mit den Regierungen von Kuba und Venezuela eingegangen ist. Sie schicken die Ersatzteile von Hunderten medizinischen Geräten nicht, die beide Regierungen erworben haben, um unseren Völkern kostenlose und qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung zu bringen. Dabei geht es um Tomographen, Elektrokardiographen, die jetzt in den Armenvierteln von Caracas stehen. Dort, wo die Indios sind, gibt es medizinische Einrichtungen, wir haben dort 30000 kubanische Ärzte. Kostenlose und hochwertige Gesundheitsversorgung für das Volk. Wie heißt das Unternehmen noch gleich? Philips. Wir haben geschwiegen und Lösungen gesucht, aber nein, das Unternehmen weigert sich, die Ersatzteile für die Hightechgeräte zu liefern. Warum? Weil Druck ausgeübt wird. Von wem? Von der Regierung der Vereinigten Staaten.

Obama! Bist du das, oder ist das ein anderer Obama? Obama One or Obama two? Who are you, Obama? Ich möchte an den von gestern glauben, an den, den ich hier gesehen habe, aber solche Dinge geschehen weiter, und das gefährdet das Leben von Millionen Menschen. Im Namen von wem? Im Auftrag von wem? Warum machen die USA so etwas weiter?

Das ist die Angst vor der Demokratie. Denn das, was in Honduras geschehen ist, ist die Angst vor ALBA, vor der Bolivarischen Allianz, die als Organismus einer neuen, neuartigen, solidarischen Integration entsteht. Wir, die Regierungen und Länder von Kuba, Nicaragua, Honduras, Venezuela, Ecuador, Bolivien, Antigua und Barbuda, Dominica sowie von St. Vincent und den Grenadinen haben die Bolivarische Allianz der Völker Unseres Amerikas gebildet. Sie greifen uns an, versuchen, uns aufzuhalten, aber es wird ihnen nicht gelingen! (...)

Keine Militärbasen in Kolumbien

In dieser Reihe stehen, Herr Präsident, die sieben Militärbasen, die die USA in Kolumbien errichten werden. Obama sprach gestern von vier Säulen, ihr erinnert euch. Gut, erfüllen wir das. Ich und wir nehmen den Präsidenten der Vereinigten Staaten beim Wort. Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen, einverstanden. Fangt an, indem ihr alle Atomwaffen vernichtet, die ihr besitzt. Zerstört sie! Macht das!

Die zweite Säule von Obama: den Frieden fördern. Gut, Präsident Obama, suchen wir den Frieden in Kolumbien. Dort herrscht ein Bürgerkrieg. Einige wollen das nicht anerkennen? Das ist etwas anderes. Es gibt einen historischen, sehr alten Konflikt in Kolumbien. Die Vereinten Nationen müssen das anerkennen, beobachten, und wir alle sollten, natürlich unter Respekt seiner Souveränität, Kolumbien die Hand reichen, um es da herauszuziehen, um ihm zu helfen, aus der Tragödie zu kommen, damit dieses Brudervolk in Frieden leben kann.

In Mittelamerika wurde der Frieden erreicht, in Guatemala wurde der Frieden erreicht. Als ich aktiver Militär war, war ich in Guatemala, und dort herrschte Krieg mit Tausenden Toten und Verschwundenen. Und auch in El Salvador, Nicaragua. Und hier ist Daniel Ortega, nach fast 20 Jahren wieder an der Regierung, an die ihn das sandinistische Volk wieder gebracht hat.

(...) Wenn der Frieden errungen wurde (...), warum, bei Gott, kann in Kolumbien kein Frieden errungen werden? Das ist eine der Sachen, die ich mir am meisten wünsche und in meinem Leben verfolge, denn ich bin Venezolaner, aber ich fühle mich als Kolumbianer, als Bürger des Kolumbiens von Bolívar, des Kolumbiens von Miranda, unseres Kolumbien.8

Denkt Präsident Obama etwa daran, seine zweite Säule, die Suche nach Frieden, mit sieben zusätzlichen Militärbasen in Kolumbien zu verfolgen? Diese sieben Militärbasen sind eine Bedrohung, nicht nur für den möglichen Frieden in Kolumbien, sondern für den Frieden in Süd­amerika. Wir, die Regierungen Südamerikas, haben recht, wenn wir alle jeweils in unserer eigenen Weise und der uns eigenen Intensität unsere große Sorge über die Errichtung dieser sieben Gringo-Militärbasen auf kolumbianischem Gebiet ausgedrückt haben. Hier klage ich an und fordere von Präsident Obama, er möge nachdenken und seine Säulen durchsetzen. Fördern wir den Frieden!

Die Vereinten Nationen könnten eine Friedenskommission für Kolumbien ernennen. Venezuela steht bereit zur Zusammenarbeit, und ich bin mir sicher, daß alle Länder Frieden wollen. Wir wollen keinen Krieg mehr unter uns. (...)

Mehr politischer Wille

Es gibt ein weiteres Thema, das Fidel in den Reflexionen vom 21. September anspricht, und das mit dem Klimawandel zu tun hat. (...) Ich werde vorlesen, mit Ihrer Erlaubnis, Herr Präsident. Fidel sagt in der Reflexion mit dem Titel »Eine von Ausrottung bedrohte Gattung«: (...) »Die vergangenen zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren die heißesten in Hunderten Jahren, die Temperaturen von Alaska, im Westen von Kanada und im Osten Rußlands, sind in einer Geschwindigkeit gestiegen, die doppelt so hoch ist wie der Weltdurchschnitt. Das Eis der Arktis verschwindet schnell und die Region könnte im Jahr 2040 ihren ersten vollkommen eisfreien Sommer erleben. Die Effekte sind sichtbar in den schmelzenden Eismassen von mehr als zwei Kilometern Höhe in Grönland, an den Gletschern Südamerikas von Ecuador bis Kap Horn, diesen grundlegenden Wasserquellen, und der riesigen Eisschicht, die die Antarktis bedeckt.«

Wir richten den Planeten zugrunde. Werden wir uns dessen gewahr, werden wir uns dessen bewußt und handeln wir, wie dies gestern Präsident Lula gefordert hat. Lula sagte: »Für den Klimawandel gibt es keinen Willen, die am meisten entwickelten Länder wollen keine Entscheidungen treffen.« Obama sagte doch, daß die USA Entscheidungen treffen wollen. Tu das, Präsident, tu das, aber geh von den Worten über zu Taten. Retten wir diesen Planeten, retten wir die menschliche Gattung. Hoffentlich gehen vom nächsten Gipfeltreffen, das im Dezember in Dänemark stattfindet, wirklich umfassende Entscheidungen aus. Venezuela ist bereit, sich diesen Entscheidungen anzuschließen und ruft dazu auf, Entscheidungen zu treffen, jeder entsprechend seiner Verantwortlichkeiten.

Was ist die Hauptursache für die Verschmutzung? Der Hyperkonsum. Wir konsumieren die Erdöl- und Gasreserven, die über Jahrtausende gewachsen sind. Wir brauchen sie innerhalb eines Jahrhunderts auf, in weniger als einem Jahrhundert. (...) Ich beziehe mich auf den Stiglitz-Bericht. Ich lade dazu ein, ihn zu analysieren. Gestern haben wir den Präsidenten Frankreichs gehört. Dank ihm gibt es diesen Bericht und diese Kommission. Aber paßt auf, nur soviel: Der Bericht enthält zwölf Empfehlungen. Untersuchen wir sie, denn ich glaube, sie weisen auf den Grund, obwohl sie das kapitalistische Modell nicht in Frage stellen, während wir Sozialisten dieses tun. Aber gut, diskutieren wir, suchen wir Sofortlösungen im Konsens und dann für den mittleren und längeren Zeitraum.

(...) Hier stellt der Bericht fest, und das stimmt: »Das Bruttoinlandsprodukt steigt mit dem Verkehr, denn während der Frust der Bevölkerung zunimmt, während die Unzufriedenheit der Verkehrsteilnehmer und der Passagiere steigt, während wertvolle Zeit im Verkehr verlorengeht, steigt das BIP.« Warum steigt es? Weil mehr Benzin verbraucht wird, und damit steigt die Verschmutzung. Seht ihr, wie die kapitalistische Welt wirtschaftliche Meßinstrumente geschaffen hat, die destruktiv sind. Deshalb denke ich, daß der Stiglitz-Bericht wichtige Reflexionen liefert.

Unter Punkt 12 steht: »Eine Batterie von Indikatoren etablieren, die mit der Umwelt und dem Klimawandel verknüpft sind.« Wir sprechen von der Ökonomie. Dieser Bericht erscheint zu einem guten Zeitpunkt. Nehmen wir ihn, vor allem die Regierungen, und vor allem die Regierungen der am meisten entwickelten Länder. Ich glaube, sie sind heute in Pittsburgh9 versammelt, nicht die Pittsburgh Pirates, sondern, hoffentlich sind es nicht die Piraten. Nein, es sind nicht die Piraten, es sind die diskutierenden Präsidenten der Länder der Gruppe der 20. (...)

Die Wirtschaft. Wir sagen Sozialismus, aber diskutieren wir die Indikatoren, die Modi, die Produktionsweisen. Wie gestern Präsident ­Obama in seiner vierten Säule gesagt hat: »Wir brauchen eine Wirtschaft im Dienste des Menschen«. Gut, Obama, das heißt Sozialismus. Obama, komm zum Sozialismus, wir laden dich ein auf die »Achse des Bösen«. Obama, komm auf die Achse des Bösen und beginnen wir, eine Wirtschaft aufzubauen, die wirklich im Dienst des Menschen steht. Das geht nicht im Kapitalismus, im Kapitalismus ist das unmöglich. Der Kapitalismus dient einer Minderheit und schließt die Mehrheit aus, und außerdem zerstört er die Umwelt, zerstört er das Leben. Das ist der Kapitalismus.

Ich möchte mit Lula enden, mit einem Satz von Lula, der gestern der erste Redner dieser Vollversammlung war: »Es gibt keinen politischen Willen.« (...) Er ruft alle auf, den politischen Willen zu erhöhen. Wir in Südamerika – ich spreche für Venezuela, aber sicherlich auch für Südamerika, für Lateinamerika – haben großen politischen Willen zu wirklichen Veränderungen, im Unterschied zu anderen Regierungssphären, die trotz der schrecklichen Krise, die wir erleben, keine Veränderungen wollen.

Ich empfehle dieses Buch von Istvan Mészáros, einem großen ungarischen Philosophen, seit vielen Jahren Professor an verschiedenen Universitäten in London: »Über das Kapital hinaus. Zu einer Übergangstheorie«. (...) Mit Rückgriff auf Marx sagt Meszaros in diesem Buch: »Die Krisen sind also die allgemeine Bedrohung, die über ihre Vorannahme hinausweist, und die Mahnung, die zu einer neuen historischen Form führt.« Das brauchen wir: eine neue historische Form. Seit Jahren wird von einer neuen Ordnung gesprochen, und was wir haben, ist die alte, todgeweihte Ordnung. Es ist notwendig, daß eine neue Ordnung geboren wird, die neue historische Form, eine neue politische Form, eine neue, weltweite Form. (...)

Lula sagte das ebenfalls gestern: »Wir müssen Geburtshelfer der Geschichte sein.« Einverstanden, und ich würde den Genossen Lula ergänzen: Die Geburt hat bereits begonnen. Es ist keine künftige Geburt, die Geburt ist Gegenwart. Seien wir, wie der Genosse Lula gesagt hat, Geburtshelferinnen und Geburtshelfer der neuen Geschichte, über die Totengräber hinweg. (...)

1 Argentiniens Präsident zwischen den Jahren 1946 und 1955 sowie 1973/74 Juan Perón

2 Guajira ist die nördlichste Teil Südamerikas. Die Halbinsel gehört hauptsächlich zu Kolumbien; nur ein schmaler Streifen ist venezolanisch. Die dort reichlich vorkommende Steinkohle wird in die USA exportiert

3 1954 putschte sich der Oberbefehlshaber der paraguayanischen Armee, Alfredo Stroessner, an die Macht; 1989 wurde er durch einen erneuten Militärputsch entmachtet

4 Präsident der 64.Tagung der UN-Vollversammlung ist der Libyer Ali Abdussalam Treki

5 Eduardo Galeano gehört zu den bekanntesten Schriftstellern Lateinamerikas

6 US-Präsident von 1860 bis zu seinem Tod 1865

7 Joao Goulart wurde im September 1961 Brasiliens Präsident. Wegen seines Sozialprogramms wurde er im März 1964 vom Militär geputscht

8 Francisco de Miranda (1750–1816) kämpfte für die Befreiung der südamerikanischen Völker vom Spanien. Er ist Wegbereiter Bolívars. – Simón Bolívar (1783–1830) war Freiheitskämpfer gegen die spanischen Kolonialherren in Venezuela, Kolumbien, Panamá, Ecuador, Peru und Bolivien

9 Am 24. und 25. September 2009 trafen sich in Pittsburgh/Pennsylvania die 20 größten Industrie- und Schwellenländer. Die Pittsburgh Pirates sind das Baseballteam der Stadt Übersetzung aus dem Spanischen von André Scheer