Previous Entry Share Next Entry
Im Afghanistan-Krieg setzen die USA zum ersten Mal schwere Kampfpanzer ein
war_is_illegal

Von Rajiv Chandrasekaran
THE WASHINGTON POST, 19.11.10
( http://www.washingtonpost.com/wp-
dyn/content/article/2010/11/18/AR2010111806856.html
http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_10/LP22310_241110.pdf
Nach Angaben des Verteidigungsministeriums wird das US-Militär in dem seit neun
Jahren andauernden Krieg in Afghanistan zum ersten Mal eine Einheit mit schweren
Kampfpanzern einsetzen; diese Entwicklung ist ein Zeichen für eine weitere Eskala-
tion der aggressiven Taktik, welche die US-Streitkräfte in diesem Herbst im Kampf
gegen die Taliban anwenden.
Die Entsendung einer mit Panzern des Typs M1 Abrams (Infos dazu s. http://de.wikipe-
dia.org/wiki/M1_Abrams ) ausgerüsteten Kompanie, welche die Marineinfanterie im Süd-
westen Afghanistans verstärken soll, wird es den Bodentruppen ermöglichen, die Aufstän-
dischen mit wirksamerer Munition aus größerer Distanz anzugreifen, als das mit den bis-
her eingesetzten gepanzerten US-Fahrzeugen möglich war. Die 68-Tonnen-Panzer haben
ein Düsentriebwerk und sind mit einer 120 mm-Kanone ausgerüstet, die ein Haus aus ei -
ner Entfernung von mehr als einer Meile (1,6 km) zerstören kann.
Trotz der neuen Strategie zur Aufstandsbekämpfung, die vorsieht, dass die auslän-
dischen Truppen vor allem die afghanische Zivilbevölkerung vor den Aufständi-
schen schützen sollen, belegen die vom NATO-Oberkommando in Kabul veröffent-
lichten Statistiken und Interviews mit mehreren höheren Kommandeuren, dass die
Operationen der US-Truppen im Lauf der letzten zwei Monate intensiver und mit
mehr Wucht geführt wurden als jemals zuvor seit der Vertreibung der Taliban-Regie-
rung im Jahr 2001.
Die Anzahl der Operationen der Special Forces (Spezialkräfte) zur Tötung oder Ge-
fangennahme von Taliban-Führern hat sich in den letzten drei Monaten mehr als
verdreifacht. US- und NATO-Kampfjets haben im Oktober insgesamt 1.000 Bomben
und Raketen eingesetzt, das waren die meisten in einem Monat seit 2001. In den Ge-
bieten um die im Süden gelegene Stadt Kandahar haben Soldaten von der 101st
 Air-
borne Division (Fallschirmjäger-Division) der Army Dutzende von Häusern zerstört, 
in denen sie Sprengfallen vermuteten. Mit Hunderten von hochexplosiven, an Lei-
nen befestigten Sprengladungen haben sie sich Wege durch vermintes Gelände ge-
bahnt, was in der Vergangenheit eher selten geschah.
Dieses harte Vorgehen – besonders die nächtlichen Razzien der Special Forces – haben
den afghanischen Präsidenten Hamid Karzai erbost; letzte Woche sagte er in einem Inter -
view mit der WASHINGTON POST, diese Maßnahmen ließen die Unterstützung der Be-
völkerung für den von den USA angeführten Krieg immer mehr schwinden. Aber höhere
US-Offiziere, die an den getroffenen Entscheidungen beteiligt waren, sind der Meinung, 
die Aufständischen hätten durch die Razzien und die anderen aggressiven Maßnahmen
einen schweren Rückschlag erlitten.
Die Offiziere, die anonym bleiben wollten, weil sie sich eigentlich nicht zu der ver-
folgten Taktik äußern dürfen, erklärten, durch die Kombination aus Razzien, Luftan-
griffen und Sprengungen auf dem Boden habe sich die Sicherheit im Gebiet um
Kandahar entscheidend verbessert; dieses bewährte Rückzugsgebiet der Taliban
habe in diesem Herbst im Mittelpunkt der Operationen der Koalition gestanden.
"Wir haben die Handschuhe ausgezogen und damit eine durchschlagende Wirkung
erzielt," sagte einer der höheren Offiziere.
Das hat wohl auch die Position des US-Army-Generals David H. Petraeus und Ober-
kommandierenden der Koalitions-Streitkräfte gestärkt, der am Freitag an einer Sit-
zung der NATO-Staats- und Regierungschefs in Lissabon teilnimmt, in der Afgha-
nistan ein Schlüsselthema sein wird. Der General wird auch gute Argumente für das
Funktionieren seiner Strategie haben, wenn Obama und seine Berater nächsten Mo-
nat den Kriegsverlauf einschätzen werden.
Ein US-Offizier, der an der Entscheidung mitgewirkt hat, erklärte, die Panzer würden zu-
nächst im Norden der Provinz Helmand eingesetzt, wo die Marineinfanteristen in heftige
Kämpfe mit starken Taliban-Verbänden verwickelt seien, die sich mit Sturmgewehren, 
Mörsern und im Eigenbau hergestellten Sprengfallen zur Wehr setzen. Der Anfang werde
mit 16 Panzern gemacht, wenn nötig, werde man aber auch mehr Panzer in weiteren
Kampfgebieten einsetzen.
"Die Panzer verbreiten mit ihrer Feuerkraft  Angst und Schrecken, und das ist sehr wich-
tig." meinte der Offizier.
Der Offizier gab zwar zu, dass der Einsatz von Panzern nach so vielen Kriegsjahren
von den Afghanen und einigen US-Amerikanern auch als Zeichen der Verzweiflung
gesehen werden könnte, aber die Marineinfanterie erhalte damit ein wichtiges neues
Werkzeug, um einzelne Widerstandsnester von Aufständischen besser ausräuchern
zu können. Ein Panzer könne viel gezielter schießen als ein Artilleriegeschütz und
sei auch viel schneller zur Stelle als ein Kampfjet oder ein Kampfhubschrauber, die
erst angefordert werden müssten, bevor sie eine Bombe abwerfen oder eine Rakete
abfeuern könnten.
"Panzer können sofort Feuerschutz geben und sind beweglich genug, wenn es darum
geht, eine Bedrohung auszuschalten, die sich außerhalb der Reichweite der Maschinenge-
wehre auf den minensicheren Transportfahrzeugen befindet, über die der größte Teil der
US-Truppen in Afghanistan verfügt," sagte David Johnson, ein führender Beobachter (des
Panzerherstellers) Rand Corporation (s. http://www.rand.org/ ), der ein neues Papier zum
Einsatz von Panzern bei der Aufstandsbekämpfung mitverfasste.
Schon im Frühjahr 2009, als die Marineinfanteristen in größerer Anzahl nach Afgha-
nistan kamen, hätten sie gern ihre Panzer mitgebracht. Aber Army-General David D.
McKiernan, der damalige Oberkommandierende der Koalitions-Truppen, lehnte ihre
Bitte ab, auch weil er befürchtete, US-Panzer in Afghanistan könnten die Erinnerung
an die starken Panzerverbände wecken, mit denen die Sowjets Afghanistan in den
1980 Jahren besetzt hatten. Als sich zeigte, dass Truppen anderer Staaten grünes
Licht für den Einsatz schwererer Waffen erhielten und die Kanadier und Dänen eine
kleinere Anzahl Panzer im Süden Afghanistans einsetzten, forderten die Marinein-
fanteristen erneut Panzer an. Dieses Mal hing die Entscheidung von General Pe-
traeus ab, der seit Juli für die Koalitions-Streitkräfte verantwortlich ist. Nach Aus-
kunft Offizieller hat er den Einsatz der Panzer letzten Monat genehmigt.
Intensive Gewaltanwendung
Obwohl Petraeus als Vater der modernen Strategie zur militärischen Aufstandsbe-
kämpfung gilt, in der die wichtige Rolle der Zentralregierung und die Bedeutung von
Entwicklungsvorhaben und anderen Formen sanfter Beeinflussung bei der Stabili-
sierung eines Landes betont werden, setzt er auch auf intensive Gewaltanwendung, 
wenn es darum geht, Gegner auszuschalten und die Voraussetzung für Maßnahmen
zur Gewinnung der Bevölkerung zu schaffen. Ein weniger beachteter Aspekt der
von ihm 2007 im Irak befehligten Truppenverstärkungen war eine wesentliche Stei -
gerung der Razzien und der Luftangriffe.
"Petraeus glaubt, Aufstände könne man nicht nur mit der Übergabe von Säcken mit
Weizen-Saatgut bekämpfen," erklärte ein höherer Offizier in Afghanistan. "Wer Auf-
stände bekämpfen will, muss auch hart zuschlagen und die Leute umbringen, die
ausgeschaltet werden müssen."
Im Unterschied zu seinen Vorgängern habe Petraeus seit seiner Ankunft in Kabul 
eine intensivere Gewaltanwendung nicht nur erlaubt, sondern in einigen Fällen so-
gar angeordnet, äußerten Offizielle. Bald nach der Übernahme des Kommandos
habe er eine taktische Direktive seines Vorgängers, des Army-Generals Stanley A. 
McChrystal, revidiert, der untergebenen Offizieren die Anforderung von Luftangrif-
fen und Artillerie-Beschuss nur noch unter bestimmten Bedingungen erlaubt hatte.
"Jetzt werden größere aggressive Akte auch wieder von der Führung gedeckt," sag-
te ein ziviler Berater in der NATO-Kommandozentrale in Kabul.
Der Berater sagte, McChrystal, der den größten Teil seiner Militärkarriere als Komman-
deur von Einheiten der Special Forces verbracht habe, sei wahrscheinlich gegen eine Stei-
gerung der nächtlichen Razzien und der Luftangriffe gewesen, weil man ihm sonst hätte
vorwerfen können, er verstehe nicht genug von der neuen Strategie zur Aufstandsbe-
kämpfung. McChrystal habe sich darum bemüht, die Anzahl der Razzien und der Luftan-
griffe zu begrenzen, weil dabei aufgetretene Pannen den Tod von Dutzenden Zivilisten
verursacht und Karzai so wütend gemacht hätten, dass der sogar mit einem Abbruch der 
Beziehungen zwischen Afghanistan und den USA gedroht habe.
"Da Petraeus der Autor des Handbuchs zur Aufstandsbekämpfung ist, kann er tun, 
was er will, weil er seine Maßnahme besser rechtfertigen kann, als McChrystal das
konnte," sagte der Berater. "Wenn er voll aufdrehen will, wird ihm schon eine pas-
sende Rechtfertigung dafür einfallen."
Obwohl Karzai auch kürzlich wieder die Razzien kritisiert und die Koalition insge-
samt zu mehr Zurückhaltung bei ihren Militäroperationen aufgefordert hat, gab es
im Zusammenhang mit Razzien, Luftangriffen und Sprengungen relativ wenige Be-
richte über zivile Opfer. Nach Auskunft militärischer Offizieller gäbe es jetzt bessere
geheimdienstliche Erkenntnisse, wirksamere Vorsichtsmaßnahmen und deshalb
auch weniger Kollateralschäden und weniger Kritik von lokaler Führern, die sich
sonst immer beklagt hätten. In Kandahar hätten sich die US-Kommandeure vor Ort
um das Einverständnis des Provinz-Gouverneurs und der Verantwortlichen in den
Distrikten bemüht, als sie Häuser und Felder zerstörten, um Sprengfallen und Minen
zu beseitigen.
"Der Unterschied besteht darin, dass die Afghanen damit einverstanden waren" sagte ein
höherer Offizier, der in Afghanistan eingesetzt ist. .
Wiederholte Beschwerden
Aber viele Bewohner des Gebietes um Kandahar waren keineswegs damit einver -
standen. Sie haben sich wiederholt bei Offiziellen der USA und Afghanistans über
den Umfang der Zerstörungen beklagt. Bei einer einzigen Operation, die im Oktober
in der Nähe der Stadt durchgeführt wurde, warf ein US-Flugzeug etwa zwei Dutzend
2.000-Pound-Bomben ab. (1 Pound = 0,453 kg)
In einer weiteren Operation, die kürzlich im Distrikt Zhari stattfand, zündeten US-Soldaten
mehr als ein Dutzend Sprengleinen zur Minenräumung an einem einzigen Tag. Jede Leine
schlägt eine Schneise, die 100 Yards (91,44 m) lang und breit genug für einen Lastwagen
ist. Alles, was dabei im Weg ist – Bäume, Äcker mit erntereifen Feldfrüchten und Hütten –
wird dabei zerstört.
"Warum müssen Sie so viele unserer Felder und Häuser vernichten?" fragte ein wütender 
Bauer aus dem Distrikt Arghandab einen hohen NATO-General bei einer Treffen, das
kürzlich in einem der betroffenen Dörfer stattfand.
Obwohl sich die Militärs öffentlich für ihr Vorgehen entschuldigen, geben sie privat
zu, dass ihre Taktik (der Verbrannten Erde) außer der Beseitigung von Sprengfallen
der Aufständischen noch weitere Vorteile bringe. Wenn die Menschen gezwungen
werden, sich zum Büro des Bezirks-Gouverneurs zu begeben, um Ansprüche wegen
der Beschädigung ihres Eigentums geltend zu mach, werde "damit auch ein Kontakt
zwischen der Regierung und den Leuten hergestellt", erklärte der höhere Offizier.
(Wir haben den Artikel, der das Doppelspiel der Obama-Regierung – Rückzugsangerbote 
in Lissabon (s. http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_10/LP21810_171110.pdf ) und
verbrannte Erde in Afghanistan – sehr deutlich werden lässt, komplett übersetzt und mit 
Ergänzungen und einem Link in Klammern versehen. Das Ausmaß der angerichteten flä-
chendeckenden Zerstörungen in Afghanistan wird allerdings nicht einmal annähernd be-
schrieben, denn nicht nur "einige Dutzend Häuser", sondern "ganze Dörfer mit Tausenden 
von Häusern" werden in der Provinz Kandahar plattgemacht, wie einem Artikel zu entneh-
men ist, der unter http://www.answercoalition.org/national/news/pentagon-blows-up-thou-
sands.html aufgerufen werden kann.)
________________________________________________________________________

?

Log in