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Mythos Eichmann Ein ARD-Film beleuchtet das Leben des Nazikriegsverbrechers in Argentinien
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Mythos Eichmann
Ein ARD-Film beleuchtet das Leben des Nazikriegsverbrechers in Argentinien
Von Gaby Weber
Dokumentiert: BND und Bild beim Aktenklau
Dokumentiert: BND und Bild beim Aktenklau

http://www.jungewelt.de/2010/07-24/033.php

Foto: Gaby Weber
Ein Dokudrama, eine »packende Darstellung eines schrecklichen Kapitels in der deutschen Geschichte«, verspricht die ARD ihren Zuschauern. Gemeint ist der Film »Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod«, den der Sender am Sonntag ausstrahlen wird. Es geht um Adolf Eichmann, den Cheforganisator der Judendeportationen im »Dritten Reich«, der sich Anfang der fünfziger Jahre mit seiner Familie nach Argentinien absetzte. Der Streifen beleuchtet die Romanze zwischen Eichmanns Sohn Klaus und Silvia Hermann. Die Tochter eines Holocaust-Überlebenden, der bereits 1942 nach Argentinien geflüchtet ist, verliebt sich in den Sohn eines der größten Nazikriegsverbrechers. Es ist diese Liaison, so die ARD, die Adolf Eichmann schließlich zum Verhängnis wird. Nach offizieller Darstellung entführt 1960 der israelische Geheimdienst Mossad Eichmann nach Israel, wo er zwei Jahre später hingerichtet wird.

Doch ob sich die Geschichte tatsächlich so abgespielt hat wie das ARD-Drama suggeriert, ist zweifelhaft. Rückblick: Lothar Hermann war von den Nazis im Konzentrationslager halb totgeschlagen worden. 1942 flüchtete der Jude und Sozialdemokrat nach Argentinien und forschte die braune Szene aus. Seine Tochter Silvia besuchte die Deutsche Schule in Buenos Aires, wo vor allem ehemalige SS-Leute und die Vertreter bundesdeutscher Firmen ihre Sprößlinge untergebracht hatten. Auch die Eichmann-Söhne drückten dort die Schulbank.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Untertauchen von Tausenden Nazis am Rio de la Plata hat es mehrere »Bestrafungsaktionen« gegeben – organisiert von deutschen Antifaschisten und argentinischen Linken. Diese Aktionen fanden gegen den Widerstand Israels und der jüdischen Gemeinde vor Ort statt. Denn die israelische Regierung verhandelte ab 1951 mit dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) über Wiedergutmachung und seit 1959 über technische und finanzielle Hilfe für den Bau der israelischen Atombombe. Am 11. Mai 1960 ist Eichmann vor seiner Wohnung entführt worden. Der Mossad behauptet, daß er ihn gekidnappt und aus Argentinien ausgeflogen hat. Über die Umstände der damaligen Ereignisse geben eventuell jene Akten Auskunft, die der Bundesnachrichtendienst (BND) laut einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes bis zum 31. August vorlegen muß. Doch schon jetzt ist klar: Die Israelis haben den Kriegsverbrecher nicht entführt.

Lothar Hermann und der Frankfurter Oberstaatsanwalt Fritz Bauer, der in Deutschland für die Verfolgung von Nazis zuständig war, stießen in Tel Aviv jahrelang auf Widerstand. Daß Eichmann doch verhaftet wurde, war nicht im Interesse der israelischen Regierung, die damals den Bonner Staat erpreßte. Im Kabinett Adenauers saßen zahlreiche Altnazis. Vertriebenenminister Theodor Oberländer beispielsweise oder Verkehrsminister Hans-Christoph Seebohm und vor allem der Staatssekretär im Kanzleramt: Hans Globke. Der war Mitautor der Nürnberger Rassengesetze und zeitweise Eichmanns Vorgesetzter. Im Prozeß schwieg Eichmann über seine Auftraggeber. Das war die Voraussetzung für einen Deal zwischen Israel und Deutschland, der die Übergabe des nuklearen Know-hows aus Hitlers Uranforschung und die Zahlung von über 500 Millionen DM regeln sollte – am Parlament vorbei und gegen den erklärten Willen des Auswärtigen Amtes.

Und so blieb während des Verfahrens in Israel Globkes Rolle unbeachtet. Dafür sorgte auch der BND. Freigegebene Dokumente belegen, wie der Geheimdienst hinter den Kulissen agierte. So brachen Agenten Ende Juni 1961 in Jerusalem in das Hotelzimmer des aus der DDR angereisten Rechtsanwaltes Friedrich Kaul ein und ließen Unterlagen mitgehen, die Auskunft über westdeutsche Persönlichkeiten enthielten. Der DDR-Jurist war als Prozeßbeobachter in die israelische Hauptstadt gereist. Bei den Diebe handelte es sich um Adenauers Intimus Rudolf Vogel sowie um einen Journalisten der Bild-Zeitung. Die Bonner Regierung fürchtete, daß Rechtsanwalt Kaul einen Dokumentarfilm über Globkes Mittäterschaft bei der Judenvernichtung vorführen könnte. Ob der Mossad beim Diebstahl im Hotel behilflich war, geht aus dem Dokument nicht hervor. Das werden die ARD-Zuschauer wohl auch am Sonntag nicht erfahren.

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